Europa muss Strom sparen

31. August 2022, Wien

Kalt Duschen und weniger Kunstschnee. Die EU-Staaten sparen Energie, um Engpässe zu vermeiden. Nehammer fordert einen Strompreisdeckel in der EU.

Jeden Tag pünktlich um zehn Uhr vormittags ist es so weit: In der kosovarischen Hauptstadt Prishtina gehen die Lichter aus, die Radios verstummen, in vielen Betrieben stoppt die Produktion. Der Kosovo ist das erste europäische Land, das in der Energiekrise auf „rollierende Blackouts“ zurückgreifen muss. Alle sechs Stunden wird der Strom für 120 Minuten abgestellt, um in keinen unkontrollierten Blackout zu schlittern. Die eigenen Kraftwerke liefern nicht genug — und Strom an der Börse kann sich eines der ärmsten Länder Europas nicht mehr leisten.
Die Dürre, der Ausfall der französischen Atomkraftwerke und der horrende Gaspreis haben den Preis für die Megawattstunde Strom auf bis zu tausend Euro katapultiert. Das ist ein Problem. Nicht nur in Prishtina.

Europas Energiemangel

Auch in Berlin, Wien und Paris fürchten die Regierungen einen Energie-Engpass in den Wintermonaten. Wird es kalt, kann sich etwa Österreich nicht mehr nur auf seine Wasserkraftwerke verlassen. An manchen Tagen stemmen dann Gaskraftwerke die Hälfte des Bedarfs. In anderen EU-Staaten ist das ähnlich. Doch ob es dafür genug Gas geben wird, ist unklar. Dass Moskau Ende August die Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 wieder einmal „vorübergehend“ einstellen will, trägt nicht zur Entspannung bei. Am Sonntag rief Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) Verbund-Chef Michael Strugl, Wien-Energie-Chef Michael Strebl und E-Control-Vorstand Wolfgang Urbantschitsch ins Kanzleramt, um zu klären, was getan werden muss, damit Haushalte und Unternehmen im Winter sicheren und leistbaren Strom haben.

Energie sparen

Das oberste Credo lautet in ganz Europa gleich: Sparen, sparen, sparen. Da Russland jederzeit die Gaslieferungen einstellen kann, bleibt dem Kontinent nichts anderes übrig, als den Verbrauch, so gut es geht, einzudämmen. Die EU hält ihre Mitglieder an, mit 15 Prozent weniger Gas auszukommen als im Vorjahr. Deutschland ist eines der Länder, die diese Vorgabe am ehesten schon in konkrete Maßnahmen übersetzt haben. So sollen Pools und Schwimmbäder nicht mehr beheizt, die Außenbeleuchtung von Gebäuden und Denkmälern auf ein Minimum reduziert werden. Der Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, Klaus Müller, erwartet auch Einschränkungen bei Saunas und Wellness-Einrichtungen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gasverbrauch im Freizeitbereich während des Winters angesichts der extrem hohen Energiepreise einfach weitergeht“, sagte er. Private gehen noch weiter: Der Tiroler Investor René Benko hat in seiner Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof wegen der hohen Stromkosten bereits die Rolltreppen abgestellt. So geht es quer durch die EU: In Frankreich und Italien werden Büros weniger geheizt, die Dänen wurden von der Regierung angehalten, nur noch fünf Minuten am Tag zu duschen. In Österreich gibt es noch keine verbindlichen Vorgaben, aber eine Reihe an Einzelinitiativen. Die Stadt Wien will etwa die Christkindlmärkte heuer später beleuchten lassen, die Stadthalle plant, mit der Abwärme ihrer Besucher zu heizen, und in einigen Skigebieten wird überlegt, heuer weniger Kunstschnee auf die Pisten zu blasen.

„Unbezahlbare Preise“

Die Verbrauchsreduktion hilft dabei, Engpässe zu verhindern. Eine Garantie, dass Strom und Gas auch wieder günstiger werden, ist sie nicht. „Die aktuellen Preise sind nicht mehr bezahlbar“, räumt auch Verbund-Chef Michael Strugl gegenüber der „Presse“ ein. Kurzfristige Hilfen, wie die für diese Woche angekündigte Strompreisbremse der Regierung, seien unumgänglich.

Aber nationale Lösungen alleine reichen nicht aus, sagte Kanzler Nehammer am Sonntag. Er forderte einen „europäischen Strompreisdeckel“. Der Gaspreis dürfe nicht länger die Höhe des Strompreises bestimmen. Notwendig wäre dafür eine Reform des europäischen Strommarkts, wie sie seit Kurzem auch Deutschland unterstützt. Die EU-Kommission plant erste Gespräche dazu erst im Herbst. Gibt es also keine Überraschung, kommt der „europäische Strompreisdeckel“ für diesen Winter damit wohl zu spät.

Die Presse

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