Die Treiber des Strompreises

6. September 2022

Bund und EU diskutieren über Eingriffe in den Markt für Strom – doch wie funktioniert der eigentlich?

Die Situation ist extrem: Wer für das kommende Jahr Strom kaufen will, zahlt an der Leipziger Strombörse derzeit 800 Euro und mehr pro Megawattstunde. Ende vergangenen Jahres waren es noch 80 Euro. Von einem Tag auf den anderen kann der Preis um mehr als 200 Euro schwanken.
„Die Marktsituation ist ein kompletter Wahnsinn“, sagt Lion Hirth, Professor an der Hertie School. „Solche Preise hat es in der Geschichte bislang nie gegeben.“ Warum spielen die Märkte dermaßen verrückt? Das Handelsblatt gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Welche Faktoren wirken auf den Strompreis?
„Die Strompreise, die wir aktuell sehen, sind fundamental nicht mehr erklärbar“, sagt Energieexperte Tobias Federico vom Marktforschungsunternehmen Energy Brainpool. Der Markt befinde sich im Panikmodus.
Wichtigster Treiber ist der Gaspreis, da die Gaskraftwerke nach den Mechanismen im Strommarkt oft preissetzend sind. Preise für künftige Strommengen leiten sich somit von den Preiserwartungen für Gas ab.
Wie knapp und damit teuer Gas wird, hängt vor allem von Russland ab. Und die lassen sich kaum vorhersagen. Am Dienstag setzte der russische Konzern Gazprom den französischen Versorger EDF etwa davon in Kenntnis, dass er die Lieferungen einschränkt. Und seit Mittwoch ist der Gasfluss durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland erneut unterbrochen. Solche Nachrichten verunsichern die Märkte.

Neben den Kapriolen am Gasmarkt treibt die französische Atombranche derzeit den Preis. EDF hatte vergangenen Donnerstag angekündigt, dass sich die Wartungsarbeiten an einigen Atomkraftwerken (AKW) verlängern. Wegen dieser Arbeiten liefert knapp die Hälfte der französischen AKWs derzeit keinen Strom. Andere Reaktoren sind heruntergefahren, weil wegen der extremen Sommerhitze Kühlwasser fehlt.

Wegen der Dürre in weiten Teilen Europas produzieren auch Wasserkraftwerke weniger Strom. Der Transport von Kohle über den Rhein in entsprechende Kraftwerke wird wegen des niedrigen Pegelstands teurer, weil die Schiffe nicht voll beladen werden können. Und so müssen oft die verhältnismäßig teuren Gaskraftwerke einspringen, um den Bedarf zu decken. „Wir sind fast in einem perfekten Sturm“, sagt Federico.

Treiben auch Spekulationen den Preis?
In Deutschland werden viele Stromlieferungen zwei oder drei Jahre im Voraus vereinbart. Entsprechend müssen Käufer und Verkäufer über Knappheiten spekulieren, um zu einem angemessenen Preis zu kommen.
Dass derzeit Investoren in größerem Maße Strommengen aufkaufen, um sie später mit Gewinn wieder zu verkaufen, ist möglich. Aber es sei nicht wahrscheinlicher als sonst, sagt Hirth: „Auch die Händler haben nicht genug Informationen über den nächsten Winter. Alle stochern im Nebel.“ Das erklärt auch die hohen Schwankungen der Preise.
Der Strommarktanalyst Fabian Ronningen von der Beratungsfirma Rystad weist darauf hin, dass die Händler gerade über wenig Liquidität verfügen. Darum würden sie eher nicht viel Geld in riskante Spekulationsgeschäfte stecken.

Was ist die „Merit-Order“, und wie wirkt sie auf den Preis?
Den Begriff könnte man wörtlich auf Deutsch etwa mit „Leistungsreihenfolge“ übersetzen. Er beschreibt das Prinzip, dass immer nur die Stromanbieter genutzt werden, die am günstigsten Strom produzieren. Der günstige Strom aus Wind und Sonne wird also praktisch immer gebraucht. Ist genug davon da, kann der Preis sogar gegen null sinken.
Wenn wenig Wind weht, die Sonne nicht scheint oder besonders viel Strom gebraucht wird, steigt der Preis so lange, bis es sich lohnt, Gaskraftwerke zu starten. Die setzen nach diesem Mechanismus somit den Preis für alle anderen Erzeugungsvarianten, die an der Strombörse gehandelt werden.

Lässt sich die Merit-Order abschaffen?
Das Prinzip der Preisbildung ist auf dem Strommarkt das gleiche wie auf anderen Märkten. Auf dem Strommarkt gibt es aber besonders viele Regularien und Eingriffe des Staates.
Außerdem wird Strom mit extrem unterschiedlichen Technologien hergestellt. Windkraft ist günstig, Strom aus Gas ist dafür immer verfügbar. Solche Unterschiede gibt es auf anderen Märkten nicht.
Eine Idee für Strommärkte der Zukunft ist daher, unterschiedliche Stromerzeuger mit unterschiedlichen Preisen zu vergüten. Unter Fachleuten ist allerdings umstritten, ob der Markt dann noch die richtigen Anreize für Effizienz und Investitionen setzt.

Wie kann der Staat dämpfend eingreifen?
Für einen Markteingriff gibt es bereits Vorbilder: Spanien und Portugal subventionieren seit Juni Gas, das zur Stromerzeugung verwendet wird. Der Mechanismus soll sicherstellen, dass der Strompreis anfangs nicht über 40 Euro pro Megawattstunde steigt. Darum wird er oft als „Preisdeckel“ bezeichnet. Europaweit eingeführt würde der Deckel den Haushalten und Unternehmen Sicherheit geben. Ein ständiges Nachsteuern mit Hilfspaketen wäre nicht notwendig.

Allerdings kostet der Preisdeckel auch viele Milliarden Euro, abhängig vom Großhandelspreis für Gas. Manchen EU-Staat könnte das in Schwierigkeiten bringen. Außerdem befürchten Ökonomen, dass die Märkte aus dem Gleichgewicht geraten und andere unerwünschte Effekte auftreten.

Bleibt Strom teuer?
Aktuell sind die Preise für den nächsten Winter absehbar weiterhin auf einem Rekordhoch. Ob sie so hoch bleiben, hängt von vielen Faktoren ab. Für Experte Federico ist der größte Faktor dabei klar: Die Gaspreise müssen runter. „Wenn wir frühzeitig unser Gasspeicher-Ziel erreichen, bringt das den Gas- und damit eben auch den Strompreis schon etwas runter“, ist er überzeugt.

Damit rechnet auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Wir sind bei den Speicherbefüllungen besser vorangekommen, als das Gesetz es vorschreibt“, sagte der Grünen-Politiker. Am Mittwoch lag der Füllstand nach Angaben der Bundesnetzagentur bei 83,7 Prozent.

Auch Regen und steigende Pegelstände im September könnten dafür sorgen, dass in Frankreich wieder mehr Atomstrom ins Netz gespeist wird. Dann steigt das Angebot an Strom, und der Preis würde sinken.

Handelsblatt

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 - Leuna, APA/dpa