Die Tücken des Strommarkts

21. September 2022

Energie. Die heimische E-Wirtschaft legt einen Vorschlag für eine Reform des Strommarkts vor. Dieser soll jene Probleme verhindern, die in Spanien aufgrund des Preisdeckels entstanden sind.

Seit Mai gibt es in Spanien de facto einen Preisdeckel für Strom im Großhandel. Seitdem ist der Preis für Gas, aus dem Strom erzeugt werden soll, nämlich gedeckelt. Das hat dazu geführt, dass die Preise für Elektrizität auf der iberischen Halbinsel deutlich geringer angestiegen sind als im Rest Europas. Aber nicht nur das.
„Spanien ist durch das Preiscap von einem Strom-Importeur zu einem Exporteur geworden“, sagt Verbund-Chef Michael Strugl in seiner Funktion als Präsident des heimischen Branchenverbands Österreichs Energie am Montag vor Journalisten. Und auch der Gasverbrauch sei deutlich angestiegen, weil etwa Frankreich so viel Strom aus Spanien bezieht, wie die Leitungen an der Grenze hergeben. An diesem Beispiel sehe man daher, dass nationale Maßnahmen in der aktuellen Situation nicht funktionieren würden, so Strugl.

EU für Steuer auf Übergewinne

Vor allem für Länder in Mitteleuropa wie Österreich, die über sehr viele Grenzen mit anderen Ländern verfügen, sei eine EU-weite Lösung für die aktuelle Problematik des Strommarkts unumgänglich. Wie mehrfach berichtet, sorgt das derzeitige Design des Markts („Merit-Order-System“), bei dem das teuerste Kraftwerk den Preis für den gesamten Markt setzt, dass die hohen Gaspreise auch den Preis für erneuerbaren Strom aus Wind- oder Wasserkraft sowie Fotovoltaik deutlich nach oben treiben.

Die EU-Kommission hat ihren Lösungsvorschlag für dieses Problem jüngst vorgestellt. Demnach sollen „Übergewinne“ der Energieversorger abgeschöpft und für Entlastungsmaßnahmen für Haushalte und Unternehmen verwendet werden. Als Übergewinn sollen laut Kommission dabei Erlöse gelten, die über dem Preis von 180 Euro je Megawattstunde erzielt werden, wenn der Strom nicht aus fossilen Kraftwerken stammt. Aus Sicht der heimischen Energiebranche jedoch nur eine Bekämpfung der „Symptome“. Die negativen Folgen der hohen Preise — etwa in Form von Margin Calls wie jüngst bei der Wien Energie — würden dennoch bleiben.

Börse mit Höchstpreis?

Der heimische Branchenverband schlägt daher ein zweistufiges System vor. In der ersten Stufe soll es weiterhin eine tägliche Aktion für den Spotmarkt des nächsten Tages geben, bei dem sich aus Angebot und Nachfrage ein Preis ergibt. Liegt dieser jedoch über einem — noch zu definierenden — Höchstpreis, gilt Letzterer. Für fossile Kraftwerksbetreiber sollen die darüberliegenden Kosten nach individuellem Nachweis ersetzt werden. Der Kostenersatz erfolgt dabei durch die öffentliche Hand. Letzteres könnte jedoch auch in diesem System dazu führen, dass die Nachfrage höher bleibt, weil Preissignale für die Käufer ausbleiben, räumt Strugl ein. Sollte dies so sein, müsste es eventuell noch ein „Mengenmonitoring“ geben, durch das darauf geachtet wird, dass die notwendigen Einsparungen beim Verbrauch gemacht werden.

Unerlässlich sei darüber hinaus der Ausbau der Erzeugungskapazitäten. Um den erwarteten Verbrauchszuwachs zu befriedigen, sei bis 2040 fast eine Verdreifachung der Produktionskapazitäten notwendig (siehe Grafik). Ohne massive Beschleunigung des Ausbaus — in Form schnellerer Behördenverfahren — sei dieses Ziel „unmöglich“ zu erreichen, so Strugl.

von Jakob Zirm

Wien

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