Stromanbieter aWATTar findet Strompreisbremse „schade“

10. Oktober 2022, Wien
Wenn im Burgenland der Wind geht, sinkt bei aWATTar der Stundentarif
 - Parndorf, APA/ROBERT JAEGER

Der Geschäftsführer des Wiener Stromanbieters aWATTar, Simon Schmitz, der einen Stromtarif namens „Hourly“ anbietet, der sich stündlich ändert, findet es „schade“, dass die Strompreisbremse nicht auf innovative Tarife wie „Hourly“ Rücksicht nimmt. Den Menschen zu helfen sei wichtig und stehe außer Frage, es würden mit der Deckelung auf 10 Cent aber nicht nur Anreize zum Stromsparen weggenommen, sondern auch der Anreiz, Stromverbräuche in nachfrageschwache Zeiten zu verlagern.

Der „Hourly“-Tarif von aWATTAR ist dazu gedacht, den Stromverbrauch in Stunden mit wenig Nachfrage und viel erneuerbarem Angebot zu verlagern. Mit der Strompreisbremse werde das Prinzip des Tarifs allerdings ad absurdum geführt und die Energiewende ein Stück weit konterkariert, so Schmitz. Für Kunden unter 2.900 Kilowattstunden Jahresverbrauch würde der Tarif erst nach Auslaufen der Strompreisbremse 2024 interessant oder wenn die Preise wieder nachhaltig unter 10 Cent pro Kilowattstunde fallen.

„Wir wissen noch nicht, wie genau wir die Strompreisbremse umzusetzen haben“, sagte Schmitz im Gespräch mit der APA. Die Details würden noch fehlen. „Einige findige Kunden meinten, wir sollten die teuersten Stunden mit den 10 Cent deckeln und die billigsten Stunden sollten dann über den 2.900 Kilowattstunden liegen“, so Schmitz. Wahrscheinlicher sei aber, dass man einen Durchschnittspreis bilde und auf diesen dann die Strompreisbremse anwende. Besser hätte Schmitz es gefunden, den bereits etablierten Energiekostenzuschuss fortzuführen. Bei diesem oder Einmalzahlungen wie dem Klimabonus würden Anreize zum Energiesparen und Verlagern nicht verloren gehen.

Dass man die Menschen mit den teils nicht mehr leistbaren Stromrechnungen nicht alleine lassen dürfe und es Hilfe brauche, steht für ihn außer Frage, betonte Schmitz. Die Kritik richte sich nicht generell gegen Hilfszahlungen, sondern beziehe sich lediglich auf die Ausgestaltung.

Die Idee hinter sich stündlich ändernden Stromtarifen wie „Hourly“ ist, dann Strom zu verbrauchen, wenn er besonders „grün“ und billig ist. Denn der CO2-Ausstoß des Strommix ist davon abhängig, welche Arten von Kraftwerken laufen, um die Nachfrage zu decken. Steht viel Wind oder viel Sonne zur Verfügung und ist die Stromnachfrage gleichzeitig niedrig, sind auch die stündlichen Strompreise niedrig. So sind meist die Stunden am Nachmittag mit viel Sonne, aber wenig Stromnachfrage ebenso günstig wie die Nachtstunden, weil nachts oft der Wind auffrischt und die Wasserkraftwerke weiter laufen, während der Stromhunger von Haushalten und Unternehmen stark sinkt.

Im Gegensatz dazu stehen die nachfrage-starken Tageszeiten mit der Morgen- und Abendspitze. Das sind tendenziell Zeiten, an denen das Angebot aus Wind, Sonne und Wasser nicht ausreicht und deshalb teure Gaskraftwerke – und in Österreich Pumpspeicherkraftwerke – zugeschaltet werden müssen, um die Nachfrage zu decken. Um das Stromnetz stabil zu halten, müssen nämlich Erzeugung und Verbrauch immer in Einklang stehen. Gerät die Netzfrequenz von 50 Hertz (Hz) aus dem Gleichgewicht, droht ein Stromausfall.

Sinnvoll sei ein sich stündlich ändernder Stromtarif vor allem für Kunden, die einen Gutteil ihres Strombedarfs verlagern können. Das seien vor allem Haushalte mit Wärmepumpen und Elektroautos, erklärte Schmitz. Infolge der Preiswelle sind allerdings auch die Preisunterschiede zwischen den Tageszeiten gestiegen. Die Differenz zwischen der billigsten und der teuersten Stunde lag zuletzt ungefähr bei 20 bis 30 Cent pro Kilowattstunde. Deshalb könne so ein Tarif nun auch für Kunden lukrativ sein, die Geschirrspüler und Waschmaschine vorwiegend nachts, nachmittags oder am Wochenende einschalten.

Seinen Verbrauch zu verlagern, kann sich nicht nur finanziell lohnen. Strom dann zu beziehen, wenn er günstig ist, hilft auch klimaschädliches CO2 einzusparen, weil Strom eben dann verbraucht wird, wenn beispielsweise keine Gaskraftwerke zur Stromerzeugung laufen.

Eine Verbrauchsverlagerung hilft übrigens auch, das Stromnetz zu entlasten. Frankreich führte aus diesem Grund mit „ecoWatt“ ( https://www.monecowatt.fr/ ) eine Art Wetterprognose für das Stromnetz ein. Farbcodes – grün, gelb und rot – sollen den Französinnen und Franzosen signalisieren, wann das System belastet ist, etwa zwischen 8.00 und 13.00 Uhr und zwischen 18.00 und 20.00 Uhr.

In Österreich sind ultraflexible Tarife noch ein kleines Nischenprogramm. aWATTar zählt derzeit rund 7.000 Kunden. Neben aWATTar gibt es mit Spotty noch einen zweiten Anbieter von Stundentarifen. Voraussetzung für einen Stromtarif mit unterschiedlichen Preisen zu verschiedenen Tageszeiten ist ein digitaler Stromzähler (Smart Meter) und die Zustimmung des Kunden, Viertelstundenwerte zu übermitteln (Opt-in).

Wie Schmitz sagt, würden neue Kunden in Wellen kommen, etwa wenn die Konkurrenz die Preise erhöht oder Preisgarantien auslaufen. Was man bei aWATTar auch merkt, ist dass etwa in Wien der stadteigene Versorger Wien Energie selbst nach der jüngsten Preiserhöhung den Strom weiter auch für Neukunden unter dem Marktniveau anbietet.

Die Preisrallye am Strommarkt hatte auch Auswirkungen auf das Angebot von aWATTar. So wurden zuerst die Tarife „Hourly Cap“ und „Yearly“ und später auch der Monatstarif „Monthly“ pausiert. Man wolle sich angesichts der hohen Preisen an den Strombörsen aus den wichtigsten Tarif, den „Hourly“, konzentrieren. Der Monatstarif, ein sogenannter Floater, hätte zuletzt zu viel Working Capital gebunden. Auch viele anderen Stromlieferanten haben reagiert und für Neukunden deutlich höhere Preise eingeführt oder das Neugeschäft gänzlich eingestellt, weil sie für diese Kunden Strom teuer nachkaufen müssten.

APA

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