Wirtschaft schwächelt im dritten Quartal

16. November 2022, Wien

Konjunktur. Laut Wifo kann sich Österreich dem Konjunkturabschwung im Euroraum nicht entziehen. Wirtschaftsvertreter fordern Hilfen für die Betriebe.

Hohe Energie- und Rohstoffpreise belasten weltweit die Konjunktur. Dieser Entwicklung kann sich auch Österreichs Wirtschaft nicht entziehen. Daher stagnierte das BIP im dritten Quartal. Die Exporte sowie die Wertschöpfung in der Sachgütererzeugung sanken, teilte das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) in einer Aussendung mit.

Auf den Energiemärkten gab es zuletzt zwar eine leichte Entspannung. Denn der Erdgaspreis, der seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine enorm gestiegen war, gab im Oktober stark nach. Die Rohstoffpreise lagen aber deutlich über den Vorjahreswerten. Daher blieb die Inflation mit elf Prozent auch im Oktober sehr hoch, merkte Stefan Eder, Autor des aktuellen Konjunkturberichts, an.

US-Wirtschaft wuchs zuletzt wieder

Doch die internationale Konjunktur schwächt sich seit dem Frühjahr ab. Hohe Energie- und Rohstoffpreise dämpfen die Stimmung der Unternehmen und privaten Haushalte. Während der weltweite Warenhandel in den Sommermonaten etwas an Schwung verlor, verlangsamte sich allerdings das Wachstum der Industrieproduktion bisher nicht. In den USA wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal kräftig, nachdem sie im ersten Halbjahr geschrumpft war. Auch der hohe Preisdruck ging dort zuletzt spürbar zurück. Die Teuerungsrate für Waren und Dienstleistungen fiel im Oktober auf 7,7 Prozent, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte.

Im Euroraum hingegen schwächte sich die Konjunktur in den Sommermonaten ab. Auch in Österreich stagnierte die Wirtschaft im dritten Quartal. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte erwiesen sich jedoch trotz hoher Energiepreise als Konjunkturstütze. Unternehmensbefragungen deuten allerdings darauf hin, dass der Wirtschaftsabschwung in den nächsten Monaten anhält.

Die Aussichten für die österreichische Wirtschaft sind daher laut Wifo-Konjunkturtest eher trüb. Sowohl die Einschätzungen zur aktuellen Lage als auch die Konjunkturerwartungen der befragten Unternehmen verschlechterten sich im Oktober.

Strom und Gas dürften trotz der leichten Entspannung auf den Energiemärkten abermals die stärksten Preistreiber gewesen sein. Zudem waren auch Lebensmittel, Alkohol und Tabak, Industriegüter und Dienstleistungen im September markant teurer als im Vorjahr.

Arbeitsmarkt noch stabil

Auf den österreichischen Arbeitsmarkt schlug die Konjunkturabschwächung dagegen noch nicht durch. Die Zahl der unselbstständig aktiv Beschäftigten war laut Schätzung des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft im Oktober um 1,7 Prozent höher als im Vorjahr, die Zahl der Arbeitslosen (einschließlich Personen in Schulung) um 6,4 Personen niedriger. Saisonbereinigt lag die Arbeitslosenquote unverändert bei 6,3 Prozent.

Angesichts der angespannten Situation haben Wirtschaftskammer (WKÖ) und Industriellenvereinigung (IV) am Donnerstag ihre Forderung nach Hilfe für die Betriebe aufgrund der hohen Energiekosten erneuert.

Gaspreis Standortnachteil für Europa

Ziel bleibe zwar eine europäische Lösung, bis dahin gelte es aber, die Möglichkeiten des EU-Beihilfenrahmens für einen Energiekostenzuschuss voll auszuschöpfen. Denn zeitweise seien die Preise für Erdgas in Europa um das Siebenfache höher als in den USA. „Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf, denn Investitionsentscheidungen, die heute getroffen werden, sichern morgen unseren Wohlstand — aufgrund der aktuellen Energiepreise ist es schwer, dass die Wahl auf Standorte in Österreich oder Europa fällt“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf sprach gar von einer „existenziellen Bedrohung für die Wirtschaft, die in Umfang und Dramatik zunehmen wird“.

Es brauche eine Anwendung der nun möglichen höheren Obergrenzen für die Kostenzuschüsse und die Förderung auch bei indirekter Nutzung von Strom und Gas. Auch solle das Verlustkriterium nicht mehr angewandt werden, wie es der überarbeitete Beihilferahmen nun vorsehen würde. Zur Stärkung der Liquidität der Unternehmen sollten auch Vorschüsse auf die Förderung möglich sein, so die beiden Wirtschaftsvertreter am Donnerstag in einer Aussendung.
Kritik kam von Ingrid Reischl, der Leitenden Sekretärin des ÖGB. Sie sieht hier die falschen Prioritäten. „Während die heimischen Unternehmen eine Erhöhung der geplanten Hilfszahlungen fordern, stecken die Menschen in Österreich mitten in einer unsicheren Heizsaison. Es ist höchst an der Zeit, ihnen endlich und nachhaltig unter die Arme zu greifen“, betonte sie. Der ÖGB fordere schon lang ein Wärmepaket — was bisher schlicht ignoriert worden sei.

Die Presse

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