Mehr Solarstrom in verstopfte Netze bringen

30. August 2023

Mit dem rasanten Ausbau der Photovoltaik können die Stromnetze nicht mehr Schritt halten. Um dennoch mehr Solaranlagen anschließen zu können, fordert EVN-Chef Szyszkowitz im neuen Gesetz genau definierte Regeln.

Die Photovoltaik (PV) droht Opfer ihres eigenen Erfolges zu werden. Weil Monat für Monat zig neue Anlagen zur Erzeugung CO2-freien Stroms dazukommen und die Nachfrage nach Solarmodulen wohl hoch bleibt, wird PV zunehmend zum Härtetest für Österreichs Stromnetze.

Die Betroffenheit ist nicht überall gleich groß. Insbesondere in Niederösterreich, wo die meisten Solarmodule installiert sind, aber auch im Burgenland, der Steiermark und Kärnten werden die Herausforderungen für die Netzbetreiber größer. In Oberösterreich ist es in der Region Steyr vor zweieinhalb Wochen zu einem kompletten Stromausfall gekommen, weil sich Betreiber von PV-Anlagen nicht an die Einspeisebegrenzung für die von ihnen erzeugte elektrische Energie in das öffentliche Netz gehalten haben.

Damit sich solche Fälle nicht häufen, kommt nun ein Vorschlag, vielmehr eine Forderung aus Niederösterreich. Im Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG), das demnächst in Begutachtung gehen, noch heuer in Kraft treten und das bestehende Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (Elwog) ablösen soll, möge man doch genau hineinschreiben, wie möglicherweise notwendige Abschaltungen erfolgen sollen – und vor allem auch, wer das bezahlen soll.

„Wir werden in eine Situation kommen, dass wir den Strom aus den Verteilnetzen nicht mehr abtransportieren können, weil die APG (Austrian Power Grid, zuständig für das Hochspannungsnetz, Anm.) keine Kapazitäten mehr hat“, sagt Stefan Szyszkowitz, Chef des niederösterreichischen Energieversorgers EVN. Allein im Netzgebiet der EVN, das wegen der historisch bedingten Einsprengsel der Wien Energie im Bezirk Baden, Klosterneuburg oder Groß-Enzersdorf nicht deckungsgleich ist mit der Landesfläche, sind mittlerweile mehr als 1000 Megawatt (MW) PV installiert.

Jahr für Jahr habe man zuletzt eine Verdreifachung registriert. „Diesen steilen Zuwachs, der durch den russischen Angriff auf die Ukraine verstärkt worden ist, hat niemand vorausgesehen, auch wir nicht“, sagt Szyszkowitz.
Während eine PV-Anlage in ein bis eineinhalb Jahren betriebsbereit sei, wenn alles glatt laufe und auch keine Probleme in der Lieferkette bestünden wie während Corona, dauerten Genehmigungsverfahren für neue Leitungen ungleich länger. Darüber hinaus müsse man abwägen, inwieweit es Sinn macht, teure Infrastruktur, die über höhere Netzkosten von Bürgern und Bürgerinnen zu tragen ist, am Maximum auszurichten, will heißen, an den Lastspitzen, die zu Mittag auftreten, wenn die Sonne scheint und PV-Anlagen bei Südausrichtung ihre volle Leistung bringen.

„Wir arbeiten seit Jahren mit dynamischer Leistungsregelung“, sagt der EVN-Chef. „Wir schließen jede Anlage an, teilen dem Kunden bzw. der Kundin aber mit, mit wie viel Kilowatt die Anlage in das öffentliche Netz jederzeit einspeisen kann. Was darüber hinausgeht, wird in Zeiten, wo Lastspitzen auftreten, heruntergeregelt.“

Weniger herausfordernd seien PV-Anlagen mit Ost-West-Orientierung. Diese erzeugen mehr Kilowattstunden (kWh) in den Tagesrandzeiten, dafür weniger zu Mittag, und entschärfen somit das Problem der Lastspitzen.

In Deutschland gab es eine Regelung, dass nur 70 Prozent der Modulleistung in das Stromnetz eingespeist werden können. Davon betroffen waren alle PV-Anlagen bis 25 kW. Ohne Wirkleistungsbegrenzung gab es keine Einspeisevergütung. Diese Regelung, die sich Netzbetreiber in Österreich wünschen, wurde in Deutschland Anfang 2023 aufgehoben mit dem Argument, man brauche jede kWh im Netz.

Gegenleistung gefordert

Im Bundesverband Photovoltaik Austria gab es eine intensive Diskussion darüber. „Bis zu einem gewissen Grad und unter gewissen Voraussetzungen können wir mit der Vorstellung der Spitzenkappung leben“, sagt nun Geschäftsführerin Vera Immitzer. Im Gegenzug müssten die Netzbetreiber aber für mehr Transparenz sorgen.

„Wann werden wo Kapazitäten geschaffen, wann stehen diese zur Verfügung, und wie groß sind die Netzkapazitäten aktuell vor Ort: Das wollen wir wissen“, sagt Immitzer. „Nur zu sagen, wir kappen, das ist die Lösung, ist definitiv zu wenig.“

Der Standard

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