Putin opfert seine alte „Cashcow“

23. Feber 2024, Wien

Gazprom. Mit dem Krieg hat die russische Gazprom Europa als besten Kunden verloren. China wird das noch lang nicht aufwiegen. Statt Milliardengewinnen droht Rekordverlust.

Am 12. Februar gelang den französischen Behörden ein besonderer Coup. Siebeschlagnahmten die 120 Millionen Euro teure Luxusvilla Maria Irina, eines der prunkvollsten Anwesen an der französischen Riviera, das – über einige Umwege – im Besitz der russischen Gazprom stehen soll. Es ist die größte Beschlagnahmung im Land, seit Russland 2022 in die Ukraine einmarschiert ist. Und dennoch ist es bei Weitem nicht das größte Problem, mit dem sich der staatliche Energiekonzern Gazprom konfrontiert sieht.

Jahrelang konnte Gazprom im Grunde nichts falsch machen. Das Geschäftsmodell war so simpel wie genial: Billiges Gas aus Sibirien strömte zu ansehnlichen Preisen durch jahrzehntealte Leitungen nach Europa. Das Geld aus dem Westen füllte einerseits die Kassen des russischen Staates (und nicht nur diese) und ermöglichte es Gazprom andererseits auch, die Russen im eigenen Land zu besonders niedrigen Preisen zu versorgen.

Acht statt 40 Prozent Gas aus Russland

Doch dann kam der 24. Februar 2022 und das Kartenhaus fiel über Nacht in sich zusammen. Schon Monate vor dem Einmarsch in die Ukraine drosselte Russland immer wieder die Gaslieferungen nach Europa, nach Kriegsbeginn ließ Putin den Export in manche Länder im Westen ganz stoppen, um den Gaspreis in die Höhe zu treiben und den EU-Staaten ihre Abhängigkeit vom Gaslieferanten Moskau vor Augen zu führen.

Heute ist klar, dass sich der Machthaber im Kreml zumindest in diesem Fall verkalkuliert hat: Die hohen Preise nutzten Gazprom nur kurz, von den Rekordeinnahmen aus dem ersten Halbjahr 2022 kann das Unternehmen heute nur träumen. Das lag nicht zuletzt daran, dass die EU-Staaten schon zwei Wochen nach dem Einmarsch erklärten, spätestens 2027 kein russisches Gas mehr beziehen zu wollen – und den Worten auch überraschend schnell Taten folgen ließen. Heute stellt Russland nur noch acht statt über vierzig Prozent der europäischen Gasimporte (siehe Grafik). Österreich, wo Gazprom bis 2040 einen aufrechten Vertrag mit der OMV hat und im Dezember 98 Prozent des gesamten Gases geliefert hat, ist eine der großen Ausnahmen in der EU. In Summe aber musste sich Gazprom fast zur Gänze von seinem lukrativsten Markt verabschieden.

Die finanziellen Folgen für das Unternehmen: In den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres ist die Produktion um ein Viertel eingebrochen, die Exporte waren so niedrig wie selten zuvor seit dem Zusammenbruch der UdSSR, der Nettogewinn kollabierte um 90 Prozent auf 296,2 Milliarden Rubel (2,9 Milliarden Euro). Da der Konzern daheim seit Kriegsbeginn auch noch Sondersteuern bezahlen und den staatlich regulierten Inlandspreis garantieren muss, zehrt Gazprom seither von seinen Reserven. Während andere Öl- und Gaskonzerne in der Energiepreiskrise Rekordgewinne einfuhren, sank die Marktkapitalisierung des Unternehmens seit Ende 2021 um mehr als die Hälfte.
Putin: „Früher war es lustiger“

„Vielleicht war es früher lustiger“, räumte Wladimir Putin am Wochenende bei einem TV-Interview mit Rossiya1 ein. Gazprom aber mache einen guten Job und mit China stehe der nächste große Käufer vor der Tür. Viel mehr als Wunschdenken ist das aber noch nicht. Höhere Exporte nach China und in die Türkei können den Verlust in Europa nicht kompensieren. Und alles, was Gazprom unternehmen will und muss, um das zu ändern, ist mit enormen Kosten verbunden.

Denn es ist keineswegs so, als bettelte Peking in Moskau um Gas. China ließ Gazprom über zehn Jahre warten, bevor man sich auf die „Power of Siberia“-Pipeline einigen konnte, jene Leitung, die Gas aus Ostsibirien in die Volksrepublik befördern soll. 22,7 Milliarden Kubikmeter flossen im Vorjahr. Zu seinen besten Zeiten hat Europa zehn Mal so viel Erdgas von Russland gekauft. Und das zu einem höheren Preis, als die Chinesen nun zu zahlen bereit sind. Ab 2027 soll eine zweite Pipeline, die „Far Eastern Route“, weitere zehn Milliarden Kubikmeter Gas liefern.

Wirklich entscheidend für Russland ist aber die „Power of Siberia 2“, jene Pipeline, die einst 50 Milliarden Kubikmeter Gas aus Westsibirien, das bisher nur mit Europa verbunden war, ins Reich der Mitte befördern soll. Fast zehn Jahre geht Putin mit der Idee für eine Leitung quer durch die Mongolei hausieren, die Euphorie in Peking ist überschaubar. Wird sie gebaut, kostet das Gazprom Milliarden. Und selbst dann würde China ein Drittel weniger russisches Gas kaufen als einst Europa.

Finanzanalysten sehen Gazprom deshalb noch nicht vor dem Kollaps. Sie warnen aber, dass die alte „Cashcow“ des Kreml zum Subventionsempfänger werden könnte. Der Zusammenbruch der Gasexporte und die Notwendigkeit, das Militärbudget des Kreml zu finanzieren, brächten Gazprom an den Rande des finanziellen Desasters, warnte Pavel Zavalny, Chef des Energiekomitees der russischen Duma kurz vor Jahreswechsel. Gazprom werde vom russischen Staat „in Verluste getrieben“. Es sei die logische Folge immer stärker steigender Steuern und sinkender Exportchancen, so der langjährige Gasmanager. Nach Schätzungen der russischen Akademie der Wissenschaften könnte der Konzern schon 2025 auf Verlusten von zehn Milliarden Euro sitzen.

von Matthias Auer

Die Presse

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