Energie. Der „Zehn-Cent-Strompreis“ des staatlichen Verbunds sorgt für Aufsehen. Was kann der „Österreich-Tarif“ wirklich und was muss man tun, um nicht mehr zu zahlen, als notwendig?
Gutes Timing ist eben alles. Am Montag, pünktlich zum Start der Regierungsklausur, verkündete Verbund-Chef Michael Strugl, dass der mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche Energiekonzern den Strompreis für Haushalte und kleine Unternehmen ab März auf unter zehn Cent senken werde. Die Gratulationen aus dem Bundeskanzleramt kamen prompt. Und auch sonst wurde die Aktion überwiegend euphorisch aufgenommen. Österreich kann also doch noch billige Energie, so der Tenor.
Aber wie bemerkenswert ist der Tarif, den der Staatskonzern da vorlegt wirklich? Ist die Ära der hohen Energierechnungen damit vorbei? Und was muss man tun, um von all dem zu profitieren? „Die Presse“ liefert Antworten auf die wichtigsten Fragen.
1 Was genau verbirgt sich hinter dem „Zehn-Cent-Strompreis“?
Der Verbundkonzern hat angekündigt, den Strompreis für Endkunden und Gewerbetreibende mit seinem neuen „Österreich-Tarif“ um ein Drittel auf unter zehn Cent je Kilowattstunde (kWh) senken zu wollen. Das ist allerdings der reine Netto-Preis für die bereitgestellte Energie, also ohne Steuern, Abgaben oder Netzgebühren, die zusätzlich fällig werden. Branchenüblich ist es, aus Gründen der Vergleichbarkeit, zumindest den Bruttopreis, also den reinen Energiepreis plus 20 Prozent Umsatzsteuer anzugeben. Hier käme der Verbund bei knapp unter zwölf Cent je Kilowattstunde zu liegen. Immer noch deutlich weniger als seine Kunden zuletzt zu bezahlen hatten.
Bis dato ebenfalls unklar ist, wie hoch die monatliche Grundgebühr angesetzt werden wird, die unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch fällig wird. Die Ersparnis für einen durchschnittlichen Verbund-Kunden mit 3500 kWh Jahresverbrauch mache laut Angaben des Unternehmens jedenfalls gut 200 Euro aus. Der Tarif soll für die 440.000 Bestandskunden des Unternehmens ebenso zugänglich sein, wie für alle Neukunden.
2 Ist die Preissenkung der Politik oder den Börsen geschuldet?
Blickt man auf die europäischen Großhandelsmärkte, ist ein Preis von knapp zehn Cent je Kilowattstunde keine sonderliche Offenbarung. Seit dem Höhepunkt der Energiekrise vor drei Jahren gehen die Strompreise an der Börse konstant nach unten und liegen aktuell bei rund neun Cent je kWh mit weiterhin fallender Tendenz. Die Preissenkung ist also in erster Linie ein Schritt zur Normalisierung und keine politisch verordnete Hexerei.
Der Verbund ist auch bei weitem nicht der einzige Anbieter im Land, der Stromtarife in diesem Preisrahmen anbietet. „Das ist ein wettbewerbskonformer Preis“, sagt Leo Lehr, stellvertretender Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der E-Control zur „Presse“. „Kleinere Anbieter, die eventuell kurzfristiger beschaffen, waren inklusive Wechselrabatten schon seit Sommer 2024 auf diesem Niveau.“ Inzwischen gebe es auch Angebote, bei denen die Kilowattstunde weniger als neun Cent kostet.
Wichtig ist beim Preisvergleich aber auch stets der Blick auf die monatlich anfallende Grundgebühr. Hier variieren die Kosten von unter zwei bis über sechs Euro netto im Monat. Ein niedriger Kilowattstundenpreis kann Kunden durch eine sehr hohe Jahrespauschale so letztlich auch teuer zu stehen kommen.
3 Wird die Preissenkung den Wettbewerb in Österreich beleben?
Die meisten Österreicher bleiben ihren Energielieferanten treu. Nachdem die Anbieterwechsel im Zuge der Energiekrise de facto zum Erliegen gekommen sind, hat sich die Wechselbereitschaft zuletzt wieder in etwa auf das Niveau von 2020 erhöht. Dennoch haben in den ersten neun Monaten 2025 nur 3,9 Prozent oder 250.000 Haushalte, ihren Lieferanten gewechselt und so ihre Energiekosten reduziert. Die Regierung ließ in ihren Reaktionen am Montag keinen Zweifel an ihrer Erwartung, dass nun auch andere Anbieter dem Beispiel des Verbunds folgen und mit zusätzlichen Preissenkungen den Wettbewerb in Schwung bringen würden.
Die großen Landesenergieversorger zeigten sich bei einem ersten Rundruf aber tendenziell zurückhaltend. Anders als der Verbund habe man bereits vor Monaten die Preise deutlich gesenkt, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Rechne man die in vielen Bundesländern üblichen Rabatte mit ein, seien die Tarife mancher Landesenergieversorger heute schon in etwa da, wo der Verbund mit dem „Österreich-Tarif“ erst im März landen werde. Für bestimmte Kundengruppen gebe es sogar bereits günstigere Angebote. Lehr sieht dennoch Potenzial für eine neue Welle an Preissenkungen. Der Verbund sei mit seiner knappen halben Million an Bestandskunden der erste wirklich große Fisch, der einen „wettbewerbskonformen“ Tarif ohne Einschränkungen, also für alle Haushalte im ganzen Land anbiete. Bestandskunden, egal bei welchem Anbieter, rät er grundsätzlich bei allen angekündigten Preissenkungen ihrer Lieferanten stets darauf zu achten, ob diese auch automatisch erfolgen. In den meisten Fällen müssten die Kunden nämlich aktiv werden, um den günstigeren Tarif auch zu erhalten. Der Verbund hat angekündigt, seine bisherigen Kunden in einem Schreiben über den neuen Tarif informieren zu wollen.
4 Bewegt sich bei Steuern und Netzen auch etwas?
Die türkis-rot-pinke Koalition hat zuletzt 500 Millionen Euro aus den Staatsbeteiligungen (unter anderem aus dem Verbund) geholt, um die Elektrizitätsabgabe von 1,5 auf 0,1 Cent je Kilowattstunde zu senken. Das verringert den Haushaltsstrompreis laut Berechnungen des Beratungsunternehmens e.venture um etwa fünf Prozent. Allerdings sind die finanziellen Mittel dafür begrenzt. Die Maßnahme soll nur ein Jahr laufen, danach wird die Abgabenlast nach den bisherigen Plänen wieder steigen.
Die Stromnetzkosten sind nach dem dramatischen Anstieg im Vorjahr mit dem Jahreswechsel auf 2026 mit durchschnittlich 1,1 Prozent nur moderat gestiegen und in fünf Bundesländern sogar gefallen. Ganz anders sieht das bei den Gebühren für das Gasnetz aus. Hier müssen Haushalte im Schnitt mit einem Plus von 18,2 Prozent rechnen. Je nach Verbrauch und Wohnort bedeutet das Mehrkosten von 30 bis 140 Euro im Jahr. Die gesunkenen Gaspreise an der Börse könnten die zusätzliche Belastung durch die steigenden Netzgebühren allerdings ausgleichen, sagt Lehr – wenn man zeitgerecht seinen Anbieter wechselt.
5 Kommen die gesunkenen Gaspreise bei den Haushalten an?
Im vergangenen Jahr sind die für Europa relevanten TTF-Gaspreise am niederländischen Handelsknotenpunkt von über 40 auf rund 30 Euro je Megawattstunde (MWh) gesunken. In Österreich sind die Großhandelspreise auf etwa 35 Euro je MWh gefallen. Für die kommenden Jahre rechnen Experten mit einer deutlichen Ausweitung des Gasangebots und damit mit einer weiteren Entspannung bei den Preisen. Auch am heimischen Markt sei eine „deutliche Reduktion der Preise bei Neukundenangeboten“ zu beobachten, sagt Lehr. So gebe es für Neukunden bereits Angebote mit einem Gaspreis von 3,5 Cent je Kilowattstunde. Bestandskunden bezahlen mit durchschnittlich 5,5 Cent je kWh jedoch beinahe das Doppelte, warnt er. „Da gibt es noch viel Spielraum nach unten und ich gehe davon aus, dass die Versorger die Gaspreise bald senken werden.“ Wer ein paar hundert Euro im Jahr einsparen will, muss aber nicht auf diese Preissenkungen warten, die manch großer Anbieter bereits seit geraumer Zeit in Aussicht stellt. Sowohl bei Elektrizität als auch bei Erdgas gibt es wirklich günstige Angebote am Markt. Die Suche nach einem neuen Energielieferanten lohnt sich schon heute.
Von Matthias Auer
Die Presse



