Wie abhängig ist die Welt von Öl und Gas aus Nahost?

3. März 2026, Wien

Faktencheck. Der Preis für Öl und vor allem für Gas sprang gestern infolge des Krieges im Iran hoch. Experten schließen auch einen weiteren Anstieg nicht aus. Doch wie abhängig ist die Welt von den Rohstoffen aus dieser Gegend wirklich?


Dass in Österreich 1974 die Energieferien eingeführt wurden, verdankt sich nicht etwa einer damaligen Sorge um die mangelnde Energie der Schüler. Die schulfreie Woche im Februar ist vielmehr den Ölförderländern im Nahen Osten geschuldet. Sie nämlich – die arabischen und dominanten Mitglieder des Ölkartells Opec – drosselten die Ölförderung im Oktober 1973 um fünf und einen Monat später um 25 Prozent als Rache dafür, dass der Westen im Jom-Kippur-Krieg Israel unterstützte. Weil sie dann auch noch ein vollständiges Ölembargo gegen die USA und die Niederlande verhängten, verdoppelte sich der Preis für Rohöl schlagartig – und kurz darauf dann im Jänner 1974 gleich nochmal. Kann so etwas auch heute angesichts des US-israelischen Angriffs auf den Iran geschehen? Und warum ist die Situation aktuell bei Gas sogar brisanter?


Wie stark ist der Ölpreis gestern gestiegen?


Die Reaktion der Märkte konnte erst mit Handelsbeginn in der Nacht auf Montag erfolgen. Dabei sprangen die Notierungen für Brent-Öl aus der Nordsee und Rohöl aus den USA in den ersten Handelsminuten um jeweils mehr als zehn Prozent nach oben. Brent erreichte in der Spitze 82,37 Dollar je Barrel (159 Liter) und damit den höchsten Stand seit Juli 2024. Im Laufe des Tages ging der Preis wieder auf unter 80 zurück. Angezogen hatte er freilich auch schon vor dem Wochenende in Erwartung eines militärischen Angriffs – und zwar von unter 70 auf über 73 Dollar. Deutlich stärker waren am Montag hingegen die Auswirkungen auf den Gaspreis, der bei Terminkontrakten um bis zu 50 Prozent anstieg (siehe weiter unten).


Warum ist der Preissprung nicht so groß wie früher?


Derart gewaltige Preissprünge wie 1973/1974 gab es ohnehin nicht so oft. Historisch ist die Preisexplosion von zuvor etwa 15 auf letztlich 40 Dollar im Zuge der iranischen Revolution 1979, als es in Verbindung mit Streiks auf iranischen Ölfeldern zu einem Produktionsausfall von knapp fünf Millionen Barrel kam, was damals etwa sieben Prozent der Weltförderung entsprach. In jüngster Zeit am stärksten war der Anstieg im Vorfeld und im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine Ende Februar 2022 von unter 80 auf kurzzeitig über 125 Dollar. Weil Russland drittgrößter Ölförderer der Welt mit einem Marktanteil von etwa zehn Prozent ist, wurden anfänglich große Marktverwerfungen befürchtet.
Im Unterschied zu 2022 ist der Ölmarkt heute – auch angesichts der mauen Konjunktur und diverser Produktionsausweitungen – überversorgt. Im Unterschied zu den 1970er-Jahren hat sich der Ölmarkt aber generell verändert, was uns zur nächsten Frage führt.


Geben die Golfstaaten am Ölmarkt noch den Ton an?


Standen die Golfstaaten und Venezuela, die 1960 gemeinsam die Opec gründeten, Mitte der 1970er-Jahre für knapp 60 Prozent der globalen Förderung, so ging der Anteil in den 1980er-Jahren auf etwa 30 Prozent zurück, stabilisierte sich bis in die 2010er-Jahre bei 40 Prozent und liegt heute bei 35 Prozent. Die Opec selbst umfasst zwölf Staaten, wobei etwa die Hälfte, und zwar die größten Produzenten, im Nahen Osten liegt. 2016 ging die Opec allerdings mit zehn weiteren Ölstaaten, allen voran Russland, eine etwas lockerere Allianz ein, die als Opec+ firmiert und für über 50 Prozent der globalen Ölproduktion steht.


Dass die Länder des Nahen Ostens Marktanteile verloren, liegt an der Tatsache, dass sie selbst die Ölförderung in den 1960er-Jahren verstaatlichten und die vormals dort stark investierten westlichen Konzerne neue Fördergebiete (etwa in der Nordsee oder in Alaska) zu erschließen begannen. Das hat dann auch die Preise unter Druck gesetzt.


Wie haben die USA den Ölmarkt verändert?


„Das US-amerikanische Öl ist ein Gamechanger
“, sagte Johannes Benigni, Chef von „JBC Vienna“ und internationaler Energieberater, kürzlich im Interview mit der „Presse“. Fortschritte beim horizontalen Bohren und hydraulischen Fracking führten Ende der Nullerjahre zu einer sogenannten „Schieferöl-Revolution“. Inzwischen macht Schieferöl nicht nur mehr als die Hälfte der US-Ölproduktion aus, sondern es führte zusammen mit der konventionellen Förderung auch dazu, dass die USA zum weltgrößten Ölproduzenten aufstiegen. Ihre Rohölförderung beträgt aktuell gut 13,5 Millionen Barrel täglich und ermöglicht es, dass die USA zum Nettoexporteur von Öl wurden. Die Schieferöl-Produktion hat auch bewirkt, dass der traditionelle Branchenprimus Saudi-Arabien aus Angst um seine Marktanteile 2014 den Ölhahn aufdrehte und mit dem Preisverfall die US-Förderung schädigen wollte. Auch war sie der Anstoß dazu, dass die Saudis 2016 mit Russland die Opec+ gründeten. 2020 drehten die Saudis den Ölhahn abermals auf.


Dennoch weiteten am Ende nicht nur die USA die Förderung aus. Auch andere Länder bauten aus, und neue kamen hinzu. „Experten sind sich weitgehend einig, dass der global zunehmende Ölbedarf in den kommenden Jahren weitgehend durch zusätzliche Fördermengen außerhalb der Opec+ gedeckt werden kann: nämlich mit US-Schieferöl, mit Öl aus den Schelfs vor dem Golf von Mexiko, vor allem aber aus Guyanaund Brasilien“, erklärte Sergej Vakulenko, jahrelang Ölmanager (unter anderem beim drittgrößten russischen Ölkonzern Gazprom Neft) und heute Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin, vor einem Jahr im Interview mit der „Presse“.


Welche Bedeutung kommt dem Iran am Ölmarkt zu?


Der Iran hat den Gipfel seiner Ölproduktion 1974 bei etwa sechs Millionen Barrel erreicht. Heute sind es – auch infolge von Sanktionen – 3,5 Millionen, wobei weniger als die Hälfte in den Export geht. Der größere Hebel des Iran auf den globalen Ölmarkt ist seine Kontrolle über die Meerenge von Hormus, über die ein Fünftel des globalen Ölbedarfs und ein Drittel des verflüssigten Erdgases (LNG) – allen voran aus Katar – transportiert wird. Die Schließung der Meerenge hat denn auch den Preissprung am Montag bewirkt. „Entscheidend sind die Einschätzungen der Marktteilnehmer, wie lange die Schließung der Straße von Hormus dauert“, sagt Ölfachmann Benigni. „Sollte es zu Beschädigungen bei Ölanlagen oder in anderen Teilen der Energieinfrastruktur kommen, wäre die jetzige Situation erst ein Vorspiel.“ Diverse Analysehäuser halten einen Ölpreis von 100 Dollar oder mehr für nicht ausgeschlossen. Es muss übrigens gar nicht um iranische Infrastruktur gehen. So wurde am Montag etwa die größte Raffinerie Saudiarabiens in Ras Tanura von iranischen Drohnen getroffen und musste außer Betrieb genommen werden. Solche Attacken auf Öl- oder Gasanlagen in Saudiarabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar könnten die Preise von Öl oder Gas weiter antreiben.


Wie wichtig ist der Nahe Osten für den Gasmarkt?


Der Anstieg beim Gaspreis war gestern höher als der beim Ölpreis. Bei Erdgas sprang die Notierung an der niederländischen Gasbörse TTF zur Auslieferung in einem Monat an der Börse in Amsterdam schon zu Handelsbeginn auf knapp 40 Euro je Megawattstunde (MWh). Das sind etwa 25 Prozent mehr als am Freitag und der stärkste Preissprung seit August 2023. Damit ist europäisches Erdgas so teuer wie zuletzt im Jänner, als niedrige Temperaturen in weiten Teilen Europas den Preis zeitweise über 40 Euro getrieben hatten. Als Katar im Laufe des Montags bekannt gab, die Produktion in seiner wichtigsten Anlage für verflüssigtes Erdgas (LNG) einzustellen, stiegen Futures für die Lieferung in nächster Zukunft sogar um fast 50 Prozent.


Der Grund liegt auch hier in der Sperre der Straße von Hormus und in der Tatsache, dass Katar der weltweit zweitgrößte Produzent von LNG ist. Und aufgrund der Abkopplung von russischem Pipelinegas ist LNG für die Versorgung Europas wichtiger geworden. Im Unterschied zum Ölmarkt sei der Gasmarkt viel jünger und eher regional gegliedert, sagt Benigni. Allerdings hat er inzwischen durch die Ausweitung des Flüssiggasanteils gegenüber dem durch Pipelines transportierten Gas auch etwas an Flexibilität gewonnen. Den Ton geben auch hier inzwischen die USA mit ihrem Frackinggas an. Seit dem Ukraine-Krieg und seit Europas Ausstieg aus russischem Pipelinegas sind die USA zu Europas größtem LNG-Lieferanten geworden. Katar liefert primär nach Asien.

von Eduard Steiner

Die Presse