RWE will Wasserstoff zur Säule neben Ökostrom aufbauen

20. August 2021, Essen
Mehr Details zur Strategie sollen Mitte November präsentiert werden
 - Essen, APA/dpa

Der deutsche Energiekonzern RWE treibt den Aufbau seines Wasserstoffgeschäfts voran und will im Herbst den ersten Großauftrag für den Projekt-Standort im deutschen Lingen vergeben. „Wir wollen den Auftrag für den Bau des Elektrolyseurs noch in diesem Jahr vergeben. Das könnte etwa im November sein“, sagte die Chefin der Wasserstoffsparte von RWE Generation, Sopna Sury, in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters.

„Wir führen derzeit mit einer Reihe von Herstellern intensive Gespräche“, erklärt die 46-Jährige, die seit Februar im Vorstand von RWE Generation für das Wasserstoff-Geschäft verantwortlich ist. „Wir planen 2024 die Inbetriebnahme des Elektrolyseurs. Mit einer Leistung von 100 Megawatt wäre das eines der ersten industriell skalierbaren Projekte in Europa.“ Bis 2026 soll die Kapazität auf 300-Megawatt aufgestockt werden. Mehr Details zu seiner Wasserstoff-Strategie will RWE auf einem Capital Markets Day Mitte November präsentieren.

Der Elektrolyseur ist das Herzstück der Anlage, bei der mit Ökostrom Wasserstoff produziert wird, der klimafreundlich etwa für chemische Prozesse oder die Stahlerzeugung verwendet werden kann. Branchenexperten zufolge liegt der Preis eines Elektrolyseurs bei ungefähr einer Million Euro je Megawatt. RWE ist Teil des Projekts GET H2, das in Lingen im Emsland eine Wasserstoff-Infrastruktur für Energie, Industrie, Verkehr und Wärme aufbauen will. Zu den Partnern gehören die Chemiekonzerne Evonik und BASF, die Netzbetreiber Thyssengas und OGE, die Energiekonzerne Uniper und BP und die Stahlkonzerne Salzgitter Thyssenkrupp.

„GET H2 ist eines unserer Leuchtturmprojekte“, betont Sury. Es gehöre in Deutschland zu den am weitesten entwickelten Vorhaben auf diesem Gebiet. Der große Vorteil liege darin, dass ein Teil der notwendigen Infrastruktur für den Transport bereits vorhanden sei – ein Gas-Netz von 130 Kilometern, das auf Wasserstoff umgestellt werden könne. Ab 2026 gebe es zudem einen Anschluss an die Niederlande. Damit könne Wasserstoff aus den Niederlanden bezogen werden. Auch Importe über den Hafen von Rotterdam seien möglich. „Mit den Pipelines der OGE und der Thyssengas haben wir Leitungen bis nach Duisburg und erreichen damit potenzielle Abnehmer im Ruhrgebiet. Das ist wichtig, geht man doch davon aus, dass Deutschland beim Wasserstoff bis zu 80 Prozent auf Importe angewiesen sein wird.“

Der Transport sei der größte Kostenfaktor, erläutert die Managerin, die auch schon für die Unternehmensberatung McKinsey und den Energiekonzern E.ON tätig war. RWE sei in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien an rund 30 Projekten beteiligt. Wasserstoff gilt als Schlüssel für die Energiewende und die Erreichung der Klimaschutzziele der EU.

Die deutsche Regierung will den Aufbau des Wasserstoff-Geschäfts mit Milliardensummen fördern. Von dem Kuchen wollen viele Unternehmen etwas abbekommen. Hierzu gehört auch der Stahlkocher Thyssenkrupp Steel Europe, der 2024 in Duisburg die erste Anlage für eine CO2-freie Stahlerzeugung in Betrieb nehmen will. Bei seiner Tochter Thyssenkrupp Uhde Chlorine Engineers (TKUC), die Elektrolyseure baut, erwägt der Konzern, einen finanzstarken strategischen Partner ins Boot zu holen. RWE will sich nicht beteiligen. „Wir spielen bei der Planung und der Entwicklung, bei der Produktion des Grünen Stroms und der Vermarktung des Wasserstoffs mit“, sagt Sury. Auch in Fragen der Speicherung sei man kompetent. „Wir haben keinen Plan, uns an Elektrolyseur-Herstellern zu beteiligen, aber wir wollen mit ihnen partnerschaftlich zusammenarbeiten.“

Der früher stark auf Atom- und Kohlestrom setzende Versorger hat sich mit Milliardeninvestitionen zu einem der größten Ökostrombetreiber in Europa gewandelt. „Für RWE soll das Wasserstoffgeschäft langfristig ein wesentlicher Bestandteil sein, gemeinsam mit den Erneuerbaren Energien“, erklärt Sury. Voraussetzung sei, dass die Rahmenbedingungen stimmten. So müsse es eine einheitliche Regulierung für die für Wasserstoff genutzten Netze und die jetzigen Netze geben. Zudem müssten erneuerbare Bestandsanlagen, die nicht mehr gefördert werden, grünen Strom für Wasserstoff bereitstellen dürfen. „Wir investieren dort, wo die Rahmenbedingungen am besten sind.“

RWE ist in Österreich maßgeblich an der Kärntner Kelag beteiligt, im Aufsichtsrat sitzt der frühere ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel.

APA/ag

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