Tesla greift im Strommarkt an

25. August 2021

Quelle: Handelsblatt, 24.08.2021 (S. 020-021)

Der Elektroautopionier bietet einen ersten Stromtarif an. Bei Energieversorgern läuten die Alarmglocken. Ihnen bereitet vor allem Teslas KI-basierte Handelsplattform Sorgen.

Auf dem deutschen Energiemarkt greift ein neuer Wettbewerber an – mit einem klangvollen Namen: Tesla. Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit hat der Elektroautopionier einen ersten Tarif für Ökostrom eingeführt und versetzt die Branche damit in Aufregung. „Wir nehmen Tesla sehr ernst und beobachten genau, was die vorhaben“, heißt es bei einem der großen deutschen Stromkonzerne.

Tesla verkauft nicht nur Elektroautos, sondern seit einigen Jahren auch Stromspeicher und Solardächer – und jetzt auch noch Strom. Hierzulande ist der erste Stromtarif von Tesla-Chef Elon Musk zwar noch regional auf den Süden Deutschlands begrenzt. Energiemanager und Experten trauen Tesla aber zu, den Energiemarkt genauso aufzumischen wie schon die Autoindustrie.

Offiziell hält sich der Konzern zu seinen Plänen bedeckt. Aber in Branchenkreisen wird spätestens Anfang 2022 mit einem bundesweiten Angebot gerechnet. Größere Sorgen als Teslas Einstieg in den Stromvertrieb macht Branchenvertretern aber ein anderes Produkt: Der „Autobidder“ – eine Plattform, die der Autokonzern schon erfolgreich in Australien testet.

Der Autobidder erlaubt es mithilfe von Künstlicher Intelligenz, die Hausspeicher, die Tesla verkauft, und die Batterien in den Autos, wenn sie an der Ladestation hängen, zu einem großen virtuellen Kraftwerk zu verbinden. Dessen Strom kann dann kurzfristig gehandelt werden. Tesla wagt sich damit in ein Geschäftsmodell vor, in dem auch die Versorger ihre Zukunft sehen.

Tesla verändere mit seiner führenden Technologie und Produktionskapazität schon „radikal“ den Batteriemarkt, sagt Analyst Jed Dorsheimer von der kanadischen Investmentbank Canaccord Genuity. Mit dem Batterie-Know-how würde es jetzt „den weiteren Billionenmarkt von Stromerzeugung und Speicherung angreifen und erobern“.
Noch ist das Geschäft im Aufbau: Im vergangenen Jahr setzte Tesla Energy zwei Milliarden Dollar um und schrieb rote Zahlen. Bis 2025 soll der Umsatz laut Analyst Dorsheimer aber schon auf acht Milliarden Dollar hochschnellen – bei einer Bruttogewinnmarge von 25 Prozent.

Deutschland ist dabei Teil einer globalen Initiative. In den USA, Australien und England ist Tesla bereits im Energiemarkt aktiv, vor wenigen Tagen berichtete die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ über einen Einstieg des Konzerns in Japan.

Octopus Energy als schlagkräftiger Partner

Mit offiziellen Kommentaren zu Tesla halten sich deutsche Versorger noch zurück. Aber schon eine simple Marktanalyse des US-Konzerns ließ die Branche im vergangenen Herbst aufschrecken. Damals fragte Tesla bei ausgewählten Kunden schlicht den Bedarf an Stromlieferungen ab. Im Frühjahr folgte dann das erste Angebot.

Dabei ist Elon Musk hierzulande noch vorsichtig unterwegs. Auf der Homepage wird der Stromtarif nicht wirklich beworben. Er kann bislang auch nur von Kunden gebucht werden, die eine Solaranlage auf dem Dach und die Powerwall, Teslas Batteriespeicher für zu Hause, installiert haben.

Erste Nutzerberichte fallen zudem durchwachsen aus. Die Stromtarife und Gebühren seien bislang wenig attraktiv, heißt es. Der Tarif konnte zuerst nur von Kunden in Baden-Württemberg gebucht werden, später wurde das Angebot auf Bayern erweitert.

„Die deutschlandweite Einführung ist geplant“, kündigt Tesla aber schon an. Der Autobauer hat mit Octopus Energy einen schlagkräftigen Partner gefunden. Das britische Unternehmen ist zwar selbst erst seit Ende vergangenen Jahres in Deutschland aktiv, hat den Heimatmarkt aber in den vergangenen Jahren schon aufgemischt.

Dank einer radikalen Digitalisierung der Geschäftsprozesse hat Octopus Energy innerhalb der ersten vier Jahre knapp zwei Millionen Kunden gewonnen. Die IT-Plattform gilt als so fortschrittlich, dass Eon sie in Großbritannien inzwischen auch nutzt, um die Probleme im eigenen Vertrieb in den Griff zu bekommen. Auch in Deutschland will der Newcomer zügig auf eine Million Kunden kommen.

Zudem dürfte das Kombiangebot von Powerwall und Stromtarif erst der Anfang sein. „Tesla testet gerade offenbar den deutschen Strommarkt“, sagt Klaus Kreutzer, der mit seinem Unternehmen Kreutzer Consulting den Energiemarkt seit Jahren analysiert. „Aber wenn man sich ansieht, was Tesla schon in Großbritannien macht, werden deren Ambitionen klar.“

Dort ist Tesla schon im vergangenen Herbst gestartet, mit aggressiven Preisen. Das Unternehmen hat bereits vor einem Jahr eine Lizenz zur Stromproduktion erhalten. Kreutzer sieht schon im reinen Stromvertrieb enormes Potenzial: „Wenn das Unternehmen anfängt, große Bündelpakete zu schnüren, wird es zu einem ernst zu nehmenden Spieler auf dem Strommarkt.“

Tesla könne Kauf- und Leasingverträge für seine Elektroautos mit Speicherung und Solaranlagen, aber eben auch mit Stromverträgen kombinieren. Das Unternehmen könnte hier nicht nur die eigene Macht beim Vertrieb von Elektroautos ausspielen. „An so einen Kunden kommen die etablierten Versorger nicht mehr ran“, sagt Kreutzer. Der sei lange an Tesla gebunden. Und: „Allein die Marke zieht schon.“

Tesla ist deshalb nicht der einzige Autohersteller, der sich auf den Strommarkt wagt. Allen voran Volkswagen nutzt die Macht im eigenen Vertrieb schon, um in den Markt einzudringen, und ergänzt den Hochlauf seines Geschäfts mit Elektroautos mit Stromangeboten.

„Wir arbeiten bereits mit Tesla an weiteren Ideen, um für Dich noch mehr Nutzen aus Deiner Powerwall zu generieren“, kündigt Octopus Energy auf der Homepage an. Die deutschen Versorger dürften das als Drohung verstehen. „So wie Tesla im Automobilsektor die Spielregeln geändert hat, so trauen wir denen zu, auch die Disruption des Energiemarkts zu“, sagt der Vertreter eines Energiekonzerns.

Mit großer Sorge betrachten die etablierten Anbieter dabei weniger Teslas Ambitionen als Stromlieferant als vielmehr die Autobidder-Plattform. Diese ist nach Darstellung des Unternehmens ein „autonomes System zur Teilnahme am Energiemarkt, das Hochfrequenzhandel betreibt“.

Berater Kreutzer hält das für beide Seiten für lukrativ: „Die Kunden bekommen eine Gebühr, und Tesla als Betreiber verdient Geld damit“, sagt er. „Tesla kann da mit den Elektroautos und Heimspeichern eine Macht werden.“
Projekte wie Autobidder verfolgt derzeit die gesamte Energiebranche. Virtuelle Kraftwerke sollen die dezentral in Privathäusern installierten Batteriespeicher und die dezentrale Stromerzeugung, beispielsweise durch Solardächer, vernetzen.

Mit der Energiewende wächst der Bedarf an Speichern

Damit können sie helfen, das Grundproblem der Energiewende zu mildern: Ökostrom wird nicht immer dann im großen Maße erzeugt, wenn er gebraucht wird, und vor allem wird er zunehmend von kleinen Anlagen produziert, deren Angebot nur schwer zu überblicken ist.

Mit einem geschickten Management können selbst Privathaushalte den Strom ihrer Solaranlagen zu Zeiten ins Netz einspeisen, in dem die Nachfrage und der Preis besonders hoch ist, und ihre Speicher dann füllen, wenn das Angebot hoch ist.

Auf solche virtuellen Kraftwerke setzen Energiekonzerne wie Eon und EnBW, aber auch kleinere Anbieter wie Ökostromanbieter Lichtblick große Hoffnungen. Teslas Potenzial ist aber gewaltig. Allein die Marke ist sehr zugkräftig. Und wenn neben den Powerwalls auch Millionen Elektroautos teilnehmen, kann ein gigantisches Kraftwerk entstehen.
„Mit der Energiewende wächst der Bedarf an Speichern“, sagt Berater Kreutzer: „Und Teslas Kunden haben die mit dem Batteriespeicher und auch die Elektroautos können als Speicher genutzt werden.“

Elon Musk will aus Überzeugung seine Macht auf den Energiemarkt ausdehnen. Denn Elektroautos sind laut seiner Vision nur dann gut für den Kampf gegen Klimawandel, wenn sie mit nachhaltiger Energie betrieben werden. Wiederholt erklärte der Konzernchef, dass er mit seinen Elektroautos nicht nur die Autoindustrie neu definieren, sondern auch den Stromsektor nachhaltiger gestalten will.

2015 stieg Tesla in die Produktion der Powerwall ein. 2016 übernahm das Unternehmen Solarcity für 2,6 Milliarden Dollar. Das US-Unternehmen entwickelt, baut und vertreibt Solaranlagen. Insgesamt verlegte Tesla Energy bislang mehr als vier Gigawattstunden an Energiespeichern, vor allem durch sogenannte „Megapacks“.
Das sind riesige Speicherbatterien für Unternehmen oder Kommunen wie Angleton in Texas. In der Kleinstadt montierte Tesla eine Batterie mit mehr als 100 Megawatt, mit der Stromschwankungen ausgeglichen werden – beispielsweise tagsüber durch das Laden von Solarstrom.

Aktuell hat Tesla mit der Powerwall in Deutschland zwar nur einen Marktanteil von gerade einmal drei Prozent. Von 88.000 im vergangenen Jahr in Deutschland installierten Batteriespeichern dürften also weniger als 3000 auf den US-Konzern entfallen sein.

Der geringe Marktanteil erklärt sich aber nicht durch mangelnde Nachfrage. Vielmehr zwingt der weltweite Chipmangel Tesla, die Produktion stark einzuschränken. „Wir nutzen viele der Halbleiter sowohl in der Powerwall als auch im Auto“, sagte Musk vor wenigen Tagen. „Deswegen stehen wir vor der Entscheidung: Sollen wir Powerwalls oder Autos herstellen?“

Derzeit habe die Autoproduktion Priorität, sagte Musk. Aber sobald genügend Chips wieder zur Verfügung stehen, soll die Powerwall-Produktion „massiv hochgefahren“ werden. Der Tesla-Chef spricht von einer Nachfrage von „weit mehr als einer Million Powerwalls“ pro Jahr. Die Versorger sollten gewarnt sein.

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN

100 Megawatt Speicherkapazität hat ein Megapack von Tesla im texanischen Angleton zum Ausgleich von Stromschwankungen. Quelle: Tesla

Handelsblatt

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