Klimaneutrale Industrie ist keine Utopie

31. August 2021

Forscher loten CO2-Sparpotenziale in der Industrie aus. Die Ergebnisse sind vielversprechend, zeigen einige steirische Beispiele.


Ein Drittel der gesamten Energie in Österreich fließt in die Industrie. Ohne die Mitarbeit der Industrie ist die Klimaneutralität daher nicht erreichbar. 2018 wurde deshalb der Arbeitskreis „New Energy for Industry“ (Nefi) gegründet. Träger sind das Austrian Institute for Technology (AIT), der Energiesparverband Oberösterreich, die Standortagentur Business Upper Austria und die Montanuniversität Leoben, wo im Nefi-Lab die Innovationszentrale des Projektes angesiedelt ist.


Nach drei Jahren Arbeit sind die Forscher sicher: „Die Versorgung der Industrie zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie ist möglich“, sagt Wolfgang Hribernik vom AIT bei den Technologiegesprächen in Alpbach. Die technischen Lösungen werden in Nefi mit einzelnen Forschungs- und Demonstrationsprojekten untermauert. „Sie sollen zeigen, was funktioniert und wie verschiedene Technologien – auch wirtschaftlich – bestehen.“ In bisher 17 Projekte fließen insgesamt 24,6 Millionen Euro.


Durch die Verankerungen an der Montanuniversität gebe es sehr viele Projekte auch in der Steiermark, erklärt Thomas Kienberger, Leiter des Lehrstuhls für Energieverbundtechnik. „Wir haben große Leitbetriebe an Bord, unter anderem die Voestalpine in Donawitz.“ In dem Projekt „Heat Highway“ wird die Verbesserung der Nutzung von industrieller Abwärme untersucht.


„Es gibt in der Obersteiermark mehrere abgeschlossene Fernwärmeprojekte von Industriebetrieben wie Zellstoff Pöls, Norske Skog oder der Voestalpine.“ Wenn man diese verbindet und weitere Industriebetriebe dazu nimmt, könne man mit der Abwärme die Häuser und Wohnungen der ganzen Bevölkerung der Mur-Mürzfurche heizen.


Bereits in Umsetzung ist das Projekt „Oxysteel“ mit der Breitenfeld Edelstahl AG. Obwohl der Stahlschrott dort mit einem Elektrobogenofen eingeschmolzen wird, brauche das Unternehmen viel Erdgas zur Erhitzung der Stahlpfannen, mit denen das flüssige Metall transportiert wird. „Statt der normalen Luft wird das Gas nun mit purem Sauerstoff verbrannt. Das ist viel effizienter.“ So werden umgerechnet rund zehn Prozent des Gasverbrauchs von Leoben eingespart.


Dasszwei ganz unterschiedliche Betriebe von dem gleichen Projekt profitieren können, zeigt „DSM_OPT“. Mit an Bord sind der Grazer Stahlkonzern Marienhütte und die Bäckerei Sorger. Es gehe dabei um die Optimierung der Produktionsprozesse, sagt Kienberger. „Es gibt in jedem Unternehmen Produktionsschritte, die nicht zeitkritisch sind.“ Er vergleicht das mit der Waschmaschine zu Hause. Einmal voll geräumt und mit Waschmittel befüllt, sei es eigentlich egal, wann man sie einschaltet. Genauso könne man in Unternehmen manche Prozesse dann starten, wenn viel Strom vorhanden und die Energie daher günstig ist. „Zum Beispiel rund um die Mittagszeit, wenn viel Solarstrom produziert wird.“ Das helfe auch dabei, die Netze zu stabilisieren, sagt der Uni-Professor.


AIT-Forscher Hribernik wirft ein, dass es nicht nur die Technologien brauche, sondern auch die richtigen Rahmenbedingungen. So gebe es zwar dank des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes (EAG) die Möglichkeit von Energiegemeinschaften, allerdings nur im selben Netzabschnitt. „Bei Betrieben kann es aber sein, dass dieses Kriterium nicht erfüllt wird“, erklärt Hribernik.


Was der Montanist Kienberger aus Alpbach mitnimmt: „Österreichs Industrie ist bei dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, wirklich mit an Bord. Das wird als große Chance für den Standort gesehen. Jetzt geht es noch um das Wie.“

Kleine Zeitung

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