Treibt Moskau Europa in die Krise?

24. September 2021, Wien

Energie. Die Explosion der Gaspreise schürt Ängste vor einem drohenden Energieengpass im Winter. Die Verunsicherung ist groß und Hauptlieferant Gazprom spielt ein heikles Spiel.

Europas beginnende Energiekrise zieht erste Furchen durch die Wirtschaft. Seit Jahresbeginn hat sich der Gaspreis verdreifacht und der Strompreis verdoppelt. Einzelne Industriebetriebe zwingt das bereits dazu, die Produktion zu stoppen. In den Wintermonaten dürfte sich die Lage weiter verschärfen, warnen Beobachter. In manchen Teilen Europas werde es eine veritable Gasknappheit geben, prognostiziert etwa Amos Hochstein, US-Präsident Joe Bidens oberster Sicherheitsberater in Energiefragen. Die energieintensive Industrie und die Konsumentenschützer sehen das ganz ähnlich und rufen Europas Regierungen zu Hilfe. Schlittert die EU tatsächlich in eine Versorgungskrise? Und wer ist schuld daran?

Tatsache ist: Die Gasspeicher in Europa sind knapp vor Beginn der Heizperiode so leer wie selten zuvor (siehe Grafik). Und das verfügbare Erdgas sucht derzeit eher den Weg nach Asien als nach Europa, weil China bereit ist, bedeutend mehr Geld zu bezahlen, um in den kommenden Monaten ausreichend mit dem Rohstoff versorgt zu sein. So machen die Tanker voll amerikanischem Flüssiggas seit Wochen einen Bogen um Europa. Und auch die russische Gazprom steht bei ihren Lieferungen in die EU seit einiger Zeit auf der Bremse. Während China und die Türkei aus Moskau Rekordmengen erhalten, lässt Europas wichtigster Gaslieferant die bestehenden Pipelines durch Weißrussland und die Ukraine weitgehend ungenützt.

Hintergrund ist die Debatte um die umstrittene Nord Stream 2. Die Rohre der Ostseepipeline sind zwar seit einigen Tagen fertig verlegt, doch bevor Gas aus Russland nach Deutschland fließen kann, muss erst noch die deutsche Bundesnetzagentur mit dem Kopf nicken. Die Behörde hat zu prüfen, ob die Pipeline die Souveränität oder Energiesicherheit von EU-Staaten gefährden könnte. Außerdem geht es um die Frage, ob die von Gazprom installierte Nord Stream 2 AG das gewünschte Zertifikat als „unabhängiger Netzbetreiber“ erhält oder nicht. Nur dann könnte Gazprom im Einklang mit den EU-Regeln die Leitung sowohl betreiben als auch mit Gas beschicken. Vier Monate hat die Bundesnetzagentur Zeit, um zu entscheiden. Moskau aber drückt aufs Tempo.

Gazprom leert Europas Speicher

Einige EU-Parlamentarier argwöhnen nun, dass Russland bewusst den Gashahn zudrehe, um den Druck auf die Behörde zu erhöhen, und fordern eine Untersuchung. Gazprom-Chef Alexei Miller reagierte prompt: Das Unternehmen habe seine Verträge „immer“ erfüllt, ließ er wissen. Auf Gazprom sei zu hundert Prozent Verlass.

Das mag sein. Im Moment tut das Unternehmen aber zumindest nicht viel, um Europas Sorge vor Energieknappheit zu lindern. Im Gegenteil: Blickt man auf die Füllstände der europäischen Speicher, könnte man zum Schluss kommen, dass es tatsächlich eng werden könnte. Doch Carola Millgramm, Gasexpertin bei der E-Control, beruhigt: „Wir sehen keine physische Versorgungskrise“, sagt sie zur „Presse“. Am Beispiel Österreichs: In Summe sind die heimischen Speicher mit rund 50 Prozent etwas schwächer gefüllt, als es zu dieser Jahreszeit sonst üblich ist. Doch für die Versorgungssicherheit des Landes sind vor allem die Speicher von OMV, Uniper und RAG entscheidend. Die sind mit 60 bis 82 Prozent reichlich gefüllt. Was die Statistik nach unten zieht, ist lediglich der Speicher Haidach, den die Gazprom Export benutzt und bis auf 2,2 Prozent geleert hat. In Deutschland und in den Niederlanden, wo Gazprom ebenfalls große Speicher hält, ist das Bild ähnlich: Während die meisten Vorräte etwa auf Normalniveau liegen, räumt Gazprom die Speicher in Europa leer. Hält das Unternehmen seine Verträge also wie versprochen ein, sollte die Lage beherrschbar bleiben.
Alternativen gibt es aber kaum: Das Flüssiggas geht weiter an die besser zahlenden Asiaten. Norwegen und Algerien wollen zwar mehr Gas nach Europa liefern, sind mit ihren Produktionen aber bereits am Limit.

Die Presse

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