Graue Theorie, grüner Strom

30. März 2022

Kraftwerkspläne im Tiroler Kaunertal sorgen für Proteste. Die Betreiber sehen ihr Projekt als wichtigen Beitrag zur Energiewende, die Gegner wollen aber lieber auf Sonnen- statt auf Wasserkraft setzen.

Notwendiger Beitrag zur angestrebten Energieautonomie oder aus der Zeit gefallenes Megaprojekt? An den Ausbauplänen für das Kraftwerk Kaunertal des landeseigenen Tiroler Stromversorgers Tiwag scheiden sich die Geister. Der Fall steht beispielhaft für ein Dilemma unserer Zeit. Einerseits soll der Ausstieg aus Öl und Gas so schnell wie möglich vollzogen werden. Andererseits steigt unser Strombedarf stetig und nimmt durch den geplanten Ausstieg weiter zu.

Tirol setzt bei der Energiewende auf Wasserkraft. Schon jetzt stammt rund die Hälfte der jährlich in Tirol verbrauchten 6500 GWh Strom aus Wasserkraftwerken der Tiwag. Rechnet man die Leistung aller Kleinkraftwerke dazu, so stammen rund 5000 GWh des Tiroler Jahresverbrauchs aus Wasserkraft. Mit dem Ausbau im Kaunertal sollen weitere 787 GWh dazukommen. Derzeit geht man von einem Baubeginn 2027 und einer Inbetriebnahme 2034 aus.

Doch zu welchem Preis? Die Umweltschutzorganisation WWF will das Projekt verhindern. Weil es nicht mehr zeitgemäß ist, lautet die Kritik. Es werden drei Argumente genannt, die gegen den Ausbau sprechen würden: die Wasserableitung über Stollen aus dem Ötztal, die bis zu 80 Prozent der betroffenen Flüsse ausmachen könne, der 420 Meter lange und 120 Meter hohe Damm für den großen Speichersee, der im Platzertal entstehen soll, sowie die Zunahme der Schwall- und Sunkbelastung flussabwärts durch die neuen Kraftwerke.

Kraftwerke als falscher Ansatz

WWF-Gewässerschutzexpertin Bettina Urbanek hält neue Großkraftwerke für den falschen Ansatz bei der Lösung der Energiefrage: „Um die Klimaziele zu erreichen und den Ausstieg aus Öl und Gas zu schaffen, sollte man an zwei Stellschrauben drehen: den Energiebedarf reduzieren – und ein naturverträglicher Ausbau der erneuerbaren Energien. In Tirol wird zu kurzsichtig gedacht, es werden nur alte, etablierte Energiequellen berücksichtigt.“

Projektleiter Wolfgang Stroppa von der Tiwag kann die Vorbehalte teils nachvollziehen, aber verweist auf die Sachzwänge: „Die Natur ist ein sehr emotionales Thema. Die Energie ist sehr viel weniger emotional – außer sie fehlt.“ Der Stromverbrauch werde weiter steigen, sagt Stroppa, weil andere Energieformen damit ersetzt werden müssen. Für die Tiwag sei Versorgungssicherheit das zentrale Anliegen. Mit dem Kaunertal-Ausbau, der zu Beginn der Planungen im Jahr 2012 mit 1,3 Milliarden Euro veranschlagt wurde und mittlerweile „sicher teurer geworden ist“, werde ein wichtiger Schritt in diese Richtung unternommen, ist Stroppa überzeugt.

Das unter anderem geplante Pumpspeicherkraftwerk diene einerseits als Energiespeicher für den Strom aus den erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind. Denn diese produzieren zu Spitzenzeiten mehr, als benötigt wird. Diesen Strom würde man nutzen, um Wasser in den Speicher hochzupumpen und es dann wieder zur Stromproduktion in die Kraftwerke abzuleiten, wenn der Energiebedarf steigt. Andererseits dient es zur Stabilisierung des Stromnetzes, um Schwankungen auszugleichen, wenn die Erneuerbaren aus meteorologischen Gründen nicht produzieren können.
WWF-Aktivistin Urbanek betont, dass die Umweltschützer nicht Pumpspeicherkraftwerke per se infrage stellen wollen: „Aber es dürfen dafür nicht die letzten intakten Flüsse verbaut werden.“ Zudem belaste die geplante Wasserableitung aus dem Ötztal eines der ohnehin schon trockensten Täler Tirols. Statt neue Großkraftwerke zu bauen, plädiert der WWF für Sanierung bestehender Anlagen, damit diese ökologisch verträglicher werden.

Darüber hinaus sieht Urbanek Sonnenenergie als Lösung. Mit Photovoltaikanlagen (PV) sei in Tirol die Energiewende zu schaffen: „Wenn man das Geld für den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal von mehr als 1,5 Milliarden Euro in Energiesparmaßnahmen und Ausbau der PV investiert, wäre es energiepolitisch besser und schneller wirksam, gleichzeitig kann die massive Naturzerstörung verhindert werden.“ Neue Freiflächen dürften dafür jedoch nicht verbaut werden, betont Urbanek. Bislang nutze man in Österreich erst zwei Prozent dessen, was mit PV möglich sei.

Sonnenenergie mit Vorbehalt

Vera Immitzer, Geschäftsführerin von Photovoltaic Austria, ist weniger optimistisch. Sie schätzt, dass bereits sechs Prozent des PV-Potenzials in Österreich genutzt werden. Als Ersatz für Wasserkraft sieht sie Sonnenenergie aber nicht: „Man sollte nicht eine Technologie gegen die andere ausspielen.“ Wasserkraft erzeuge Energie, wenn Sonne und Wind das nicht können, und diene als Speicher. Immitzer glaubt zudem nicht, dass der Ausbau von PV-Anlagen aktuell ohne die Nutzung von neuen Freiflächen möglich sein wird.

Der Standard

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