Energie-Wende mit 260 Millionen Euro befeuern

6. April 2022

Müllverbrennung in Graz, Speichersee in Kalsdorf: Bericht über alternative Projekte sorgte für Aufsehen. Nun gibt es neue Details.

So leise all diese Großprojekte abseits der Öffentlichkeit vorbereitet wurden, so laut waren nun die Nebengeräusche bei deren Enthüllung: Unser Bericht über konkrete Pläne zur alternativen Energiegewinnung im Raum Graz sorgte für Aufsehen. Auch weil damit vermeintlich ein Paradigmenwechsel einhergeht: Die neue Grazer Koalition aus KPÖ, SPÖ und Grünen will zwar vor dem Startsignal formal die letzten Machbarkeitsstudien abwarten, fördert aber längst die eingeschlagenen Wege – auch wenn dazu erstmals die Verbrennung von Müll auf Grazer Stadtgebiet gehört.
Die Gaskrise und der anhaltende Klimawandel sorgen jedenfalls für zwei Stoßrichtungen: mehr Unabhängigkeit durch eigene Energieerzeugung und weniger Kohlenstoffemissionen. Also arbeiten die Stadt Graz, deren Tochter Holding Graz (vormals Stadtwerke) sowie die Energie Steiermark längst mit Hochdruck an alternativen Projekten.

Mit dem Fokus auf die Nutzung von Abwärme und deren Einspeisung ins Fernwärmenetz, wie die drei größten Projekte zeigen: Auf dem Areal des Heizkraftwerks in der Grazer Puchstraße, gleich neben dem Recyclingcenter Sturzplatz, soll um rund 160 Millionen Euro eine neue Anlage zur „energetischen Reststoffverwertung“ gebaut werden – also erstmals für die Verbrennung von nicht recyclingfähigem Müll in Graz. In Kalsdorf bei Graz wiederum, südlich des Flughafens, will man rund 50 Millionen Euro in einen Speichersee investieren, der mittels Sonnenenergie laufend beheizt werden und das Fernwärmenetz – durch Biomasse „befeuert“ – wie ein großer Boiler füttern soll. Ebenfalls 50 Millionen Euro rinnen in die Kläranlage in Gössendorf, um künftig nicht nur das (warme) Abwasser zu nutzen, sondern zudem auch den anfallenden Klärschlamm zu verbrennen.

Bereits im Jahr 2013 wurde die dafür zuständige Arbeitsgruppe „Wärmeversorgung Graz 2030/2040“ gegründet. Sie filterte beim Blick in Richtung Energie-Wende auch kleinere Vorhaben heraus, die noch heuer umgesetzt werden sollen – etwa die Auftstockung jener Abwärmemenge, welche die Firmen Sappi und Marienhütte schon längst ins Grazer Fernwärmenetz einspeisen.

Wann aber werden die größten Brocken starten? Das Speicherbecken in Kalsdorf soll spätestens ab dem Jahr 2026 für Wärme sorgen, „mit dem Biomasseteil werden wir aber wohl schon 2024 loslegen können“, betont Christian Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark. Und in Gössendorf sowie in der Puchstraße will man in den Jahren 2028 und 2029 neu durchstarten.

Ersten kritischen Stimmen, die vor allem zur Verbrennung der Reststoffe mitten im Grazer Ortsgebiet zu hören sind, antworten Holding-Graz-Vorstand Wolfgang Malik und Werner Prutsch (Grazer Umweltamt) nicht nur mit dem Hinweis auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung – sie halten auch einen Zettel mit Pro-Argumenten hoch: Auf der Habenseite haben sie unter anderem vermerkt, dass bei der Anlage in der Puchstraße dank „modernster Filter“ mit einer Feinstaubemission von 0,5 Tonnen im Jahr zu rechnen sei – generell seien es in Graz 300 Tonnen im Jahr. Zudem würde man auf diese Weise jährlich nicht nur rund eine Million an Lkw-Kilometern einsparen, sondern auch jene 24 Millionen Euro, die man derzeit für Erdgasimporte und für die „externe Verwertung des Grazer Abfalls“ locker mache.

Und schließlich sei das Investment in diese und andere Alternativprojekte „ein Beitrag zur Preisstabilität“, betonen Malik und Energie-Steiermark-Vorstand Purrer. Letzterer ist sich jedenfalls sicher, „dass die Energiepreise langfristig auf diesem hohen Niveau bleiben werden“. Daher sollte die Politik über kurz oder lang eine Entlastung prüfen – allerdings schränkt Purrer hier mit Nachdruck ein: „Aus meiner Sicht könnte das nur bei sozial schwachen Personen gelten. Bei allen anderen Gesellschaftsgruppen sollte eher Energieeffizienz mehr denn je das Thema sein. Wie wir also Energie richtig einsetzen.“

Kleine Zeitung

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