„Es muss nicht immer gleich ein Blackout sein“

27. April 2022

Interview. Ohne Gas wird es auch beim Strom eng, warnt Gerhard Christiner vom Netzbetreiber APG. In der Energiewende vermisst er ehrliche Planung. Das Versäumnis koste Österreich Milliarden im Jahr.

Die Presse: Krieg und drohender Gasmangel schüren wieder neue Ängste vor einem Blackout. Wie schützen Sie sich vor einem flächendeckenden Stromausfall?

Gerhard Christiner: Nicht in dem Ausmaß, wie man es erwarten würde, weil ich glaube, dass wir es verhindern können. Wann immer wir einen Blackout simulieren, zeigt sich, dass in maximal zwölf bis 24 Stunden alles wieder erledigt ist. Wir haben deshalb nur einen Vorrat an Wasser, Konserven und haltbarem Brot daheim. Damit kommt man ein, zwei Tage über die Runden. Europa und Österreich werden nicht zehn Tage ohne Strom dastehen — zumindest jetzt nicht.

Jetzt nicht, aber später schon?

Man muss schon aufpassen beim Umbau des Energiesystems. Wir gehen immer davon aus, dass es Kraftwerke gibt, die auf Knopfdruck starten. Wir brauchen Kraftwerke, die ohne Strom hochfahren können, um die Versorgung neu aufbauen zu können. In Österreich sind das die Pumpspeicherkraftwerke Kaprun und Malta. Aber Pumpspeicher reichen nicht aus, um Österreich wieder mit Strom zu versorgen. Wir brauchen auch künftig Kraftwerke, die starten, selbst wenn es keinen Wind und keine Sonne gibt. Wollen wir uns zu hundert Prozent mit Erneuerbaren versorgen, wird das ein Thema.

Österreich ist im Winter stark auf Gaskraftwerke angewiesen. Was hieße ein Boykott russischen Gases für die Stromversorgung?

Im Vorjahr haben wir knapp 70 Terawattstunden (TWh) Strom verbraucht, zehn TWh haben Gaskraftwerke beigesteuert. Das sind Kraftwerke, die auch Fernwärme erzeugen, und Kraftwerke, die wir brauchen, um das Netz stabil zu halten. Diesen Anteil können wir nicht durch Importe ersetzen, weil die Netze zu schwach sind. Damit stecken wir in einer Doppelmühle: Wir brauchen im Winter Gas, weil zu wenig Wasser, Sonne und Wind da ist, und sind extrem abhängig von russischen Importen. Käme kein Gas nach Österreich, würde das unweigerlich zu Problemen in der Stromversorgung führen.

Doch erhöhte Blackout-Gefahr?

Es muss nicht immer gleich ein Blackout sein. Aber wir müssten rasch überlegen, wer das vorrätige Gas bekommt und wo der Strom, der noch erzeugt werden kann, eingesetzt werden soll. Wir brauchen für die Netzreserve-Kraftwerke (zur Stabilisierung des Stromnetzes, Anm.) unbedingt Gas, um Versorgungskrisen abzuwenden.

Wie sichert sich die APG als staatlicher Übertragungsnetzbetreiber da ab?

Wir haben Verträge mit Netzreserve-Kraftwerken, die über ein bis zwei Jahre laufen. Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass die Anbieter auch genug Gas eingekauft haben. Jetzt werden wir genauer darauf schauen, dass die notwendigen Reserven wirklich da sind. Das ist aber natürlich eine Kostenfrage. Denn zu den jetzigen Preisen Gas einzukaufen ist für Versorger denkbar ungünstig.

Die Industrie hat die Sorge, dass sie im Fall einer Gasrationierung leer ausgehen könnte. Haben Sie die Zusicherung, dass die Gaskraftwerke beliefert würden?

Nein, haben wir nicht. Wir wissen nicht, wie die Zuteilung aussehen würde. Es obliegt der Ministerin, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit klar ist, wer wie viel Gas bekäme.

Welche Alternativen hat das Land eigentlich? Sind die Kohlekraftwerke noch reanimierbar?

Es gibt in Österreich aktuell keinen Ersatz für Gaskraftwerke. Wir haben alle anderen thermischen Kraftwerke eliminiert — und zwar so, dass sie auch nicht ohne Weiteres zurückgeholt werden können. Die Anlagen sind teils abgebaut, das Personal längst in Pension.

Die Gaskrise platzt mitten in eine Phase, in der das Energiesystem in Richtung Erneuerbare umgebaut werden soll. Fördert oder bremst diese Krise den Umbau?

Diese Abhängigkeit von Gas aus einer Hand kann nicht die Lösung sein. Das macht uns angreifbar und verletzbar. Der Weg in Richtung Erneuerbare muss beschleunigt werden. Aber ein Energiesystem ist hochkomplex — und das wird leider nicht gesehen. Wir waren lang verwöhnt. Es war gottgegeben, dass Strom aus der Steckdose kommt. Jetzt sehen wir, dass sich durch den grünen Umbau vieles verändert, ein Zahnrad nicht mehr ins andere greift. Wenn wir davor warnen, werden wir als Panikmacher abgetan. In der Energiewende bist du als Systemversteher fast hinderlich. Da schwingt immer die Sorge mit, dass einer kommt, der sagt, dass irgendetwas doch nicht so einfach ist, wie man es sich ausgemalt hat. In der Krise rückt Versorgungssicherheit stärker ins Bewusstsein. Wir müssen für die Energiewende Leute ins Boot holen, die verstehen, was es auslöst, wenn man in ein bestehendes System eingreift. Damit Energie auch morgen und übermorgen noch sicher ist.

Da stoßen zwei Welten aufeinander. Viele Systemversteher sind in fossilen Konzernen groß geworden, die jetzt ja am besten verschwinden sollen. Gibt es einen Weg ohne Fossile?

Wir können sehr gut modellieren, was es braucht, um Österreich im Jahr 2030 zu hundert Prozent mit Ökostrom zu versorgen. Da gibt es natürlich mehrere Zugänge. Aber ich muss mir auch anschauen, wie ein Industriestandort dann noch sicher sein kann, dass er Strom bekommt, wenn er ihn braucht. Wie schaffen wir es, uns zu versorgen, wenn im Winter kein Wind und keine Sonne Energie liefern? An manchen Tagen erzeugt Österreich ohne Gaskraftwerke nur die Hälfte des Bedarfs. Was tun, wenn es keine Gaskraftwerke mehr gibt? Können wir so viel importieren? Diese Fragen muss man sich ehrlich stellen und sie nicht als Extrembeispiele abtun. Sicher heißt sicher zu jeder Zeit. Ich kann Strom nicht drei Tage später liefern. Diesen ganzheitlichen Zugang haben wir verloren.

Wann ist das passiert?

Schon im Zuge der Liberalisierung zur Jahrtausendwende. Ich bin 1995 in die E-Wirtschaft gekommen. Damals war Versorgungssicherheit für alle das höchste Gut. Die Liberalisierung hat „chinese walls“ zwischen Erzeugern und Netzbetreibern aufgezogen. Heute wissen wir als Netzbetreiber nicht vorab, wo Wind- und Solarkraftwerke gebaut werden. Ich weiß nicht, wo 2030 wie viel Strom erzeugt wird, wo Wasserstoff-Elektrolyseure stehen werden. Wie sollen wir da die richtige Netzinfrastruktur bauen? Hundert Prozent Erneuerbare liefern an Spitzentagen doppelt so viel Energie, wie wir brauchen. Mit nur einem Tag fülle ich da alle Pumpspeicher des Landes. Am zweiten Tag bin ich schon am Ende. Ins Ausland kann ich den Strom nicht verschieben, weil die Leitungen fehlen. Da fehlt uns die gemeinsame Planung.

Machen Erneuerbare die Stromversorgung per se unsicherer?

In Österreich herrscht die Meinung, dass mit Wind und Solar die Energiewende geschafft ist. Aber das ist falsch. Früher war Stromerzeugung am Verbrauch orientiert. Erneuerbare produzieren nur, wenn es das Wetter zulässt. Und sie erzeugen nur ein Rohprodukt. Jemand muss sich dann noch darum kümmern, dass der Strom zum Kunden kommt, wenn er gebraucht wird. Wir müssen das Energiesystem planen, und das passiert nicht. Wenn wir darauf vergessen, wird es extrem teuer.

Wie hoch sind die Kosten heute?

Österreichs Stromkunden zahlen im Großhandel im Schnitt um 30 Euro mehr pro MWh als Deutsche. Es gibt zwar genug billige Energie, aber wir haben nicht die Leitungen, um sie zu importieren. Hochgerechnet sind das zwei Milliarden Euro im Jahr, nur weil es nicht genug Netze gibt. Dazu kommen Hunderte Millionen, die wir ausgeben, um Schwankungen im Netz auszugleichen. Wir predigen seit Jahren, dass wir Infrastruktur ausbauen müssen. Jetzt zahlen wir den Preis des Unterlassens.

Eine Novelle des UVP-Gesetzes soll Infrastrukturprojekte beschleunigen. Was erwarten Sie?

Wir haben oft gesagt, wo wir Ansätze sehen: Es gibt zu wenige Sachverständige, die Verfahren sind zu komplex und langwierig. Für die Salzburg-Leitung mussten wir sechs Tonnen Papier ausliefern, nur um die Unterlagen bei den Gemeinden auflegen zu lassen. Die Verfahren sind eine Spielwiese für Anwälte und Gutachter geworden. Das Spiel kann man ewig spielen, aber es bringt niemandem etwas. Wir fordern klare Zeitlimits. In der ersten Instanz müssen inhaltlich alle Karten auf den Tisch. Wenn wir es ernst meinen mit der Energiewende, dürfen wir diese Chance nicht verspielen.

Viele in der Erneuerbaren-Branche halten das 2030er-Ziel ohnedies schon für unerreichbar.

Aus meiner Sicht braucht es einen echten Konsens, der klare Ziele für 2024, 2026, 2028 vorschreibt, damit wir ehrlich sehen, ob wir im Plan liegen oder nicht. In den Verfahren muss Klimaschutz Vorrang haben. Die Politik muss entscheiden, ob im Zweifel wirklich ein Käfer wichtiger ist als die ganze Energiewende. Das kann nicht jedes Mal neu das Gericht klären. Diese Zeit haben wir nicht mehr.

Die Presse

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