Wer alles will, kann nichts erreichen

16. September 2022, Wien

Analyse. Europas zerrissene Klima- und Energiepolitik hat üble Nebenwirkungen: Der Kontinent treibt den globalen Kohleverbrauch auf einen Rekord, rettet damit aber weder Kunden noch Klima.

Wer noch ein Indiz für das politische Chaos in der Energiekrise braucht, muss nicht länger suchen: Am Mittwoch wird das EU-Parlament darüber abstimmen, ob das Verbrennen von Holz weiter als „grün“ gelten darf oder nicht (siehe auch Seite 5). Das ist eine ernsthafte Frage, immerhin wächst der CO2-bindende Wald langsamer nach, als die Bäume verfeuert werden. Zumindest der Zeitpunkt für diese Entscheidung stimmt aber viele Beobachter skeptisch. Warum soll die EU während des größten Energiemangels seit Dekaden einen der wichtigsten Energieträger ausbremsen, fragen sie?

Wer sich erhofft, dass sich der Kontinent dadurch immerhin den Applaus der versammelten Klimaforscher abholen kann, wird ebenfalls enttäuscht. Die Wissenschaftler stellen sich zwar gegen das reine Verbrennen von Holz zur Energiegewinnung. Sie kritisieren aber scharf, dass das klimafreundliche klimafreundliche Europa andernorts gerade seine grünen Grundsätze über Bord wirft. Die Explosion der Gaspreise hat viele Versorger und Unternehmen gezwungen, auf Kohle, den billigsten, aber auch schmutzigsten fossilen Brennstoff, umzusteigen. Etliche Staaten, die bereits den Ausstieg aus der Kohle gefeiert haben, sind reumütig zurückgekehrt. Österreich inklusive. Und das hat Auswirkungen auf globaler Ebene.

So viel Kohle-Importe wie nie

In den ersten acht Monaten hat Europa um 35 Prozent mehr Kohle für die Stromerzeugung importiert als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, zeigen Daten des Analysten Kpler. Dabei sprang der Kohleverbrauch des Kontinents schon 2021 um 14 Prozent nach oben. Keine andere Region hat ihre Kohle-Importe so stark ausgeweitet wie Europa. In China blieb der Bedarf aufgrund der schwachen Wirtschaftslage nur stabil, Indien steigerte den Verbrauch um sieben Prozent. Und so ist es just das klimafreundliche Europa, das die globale Kohlenachfrage auf ein neues Rekordhoch treiben könnte. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass die Welt heuer acht Mrd. Tonnen Kohle verbrauchen wird. Mehr war es auch im bisherigen Rekordjahr 2013 nicht.

Doch auch der massive Einsatz klimaschädlicher Kohle reicht nicht aus, um die Energiekosten in Europa entscheidend zu senken oder gar drohende Engpässe zu vermeiden. Das liegt auch daran, dass der politische Pragmatismus nur sehr selektiv angewandt wird, wie die de facto gescheiterte Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke oder die mangelnde Debatte über das Ausschöpfen eigener Erdgasvorräte (Stichwort Schiefergas) zeigen. Europa wird wohl mehr in die Waagschale werfen müssen, soll das Pendel umschlagen. Mit dem Zickzackkurs von heute gelingt es weder, die Preise zu drücken, noch die weiße Weste im Klimaschutz zu halten.

Streit verzögert Pipeline

Holz und Kohle sind nicht die einzigen Bereiche, in denen sich die EU-Staaten in der Energiekrise verzetteln. Ein weiteres Beispiel ist das politische Gezerre rund um die geplante Pyrenäen-Erdgas-Pipeline zwischen Spanien und Frankreich. Bleiben russische Gaslieferungen aus, kann diese Leitung ein Schlüsselprojekt für die Länder Mitteleuropas sein. Ein Gutteil der Flüssiggas-Lieferungen (LNG) nach Europa landet auf der Iberischen Halbinsel. Was fehlt, sind genug Pipelinekapazitäten zwischen Spanien und Frankreich, um das Gas in den Osten zu bringen. Die milliardenschwere Midcat-Pipeline soll das Problem lösen, die Kapazitäten würden mehr als verdoppelt. Madrid, Lissabon und Berlin warten daher schon sehnsüchtig auf den Startschuss, doch Frankreichs Präsident, Emmanuel Macron, will nicht mitspielen. Es sei sinnlos, eine teure Leitung zu bauen, die für diesen Winter ohnedies zu spät kommen würde, sagte er jüngst.

Dass sie ganz nebenbei nationalen Interessen seines Landes widersprechen würde, musste Macron nicht eigens erwähnen. Frankreich hat auch LNG-Terminals an der Atlantikküste und will dieses Gas ebenfalls nach Deutschland verkaufen. Außerdem läuft die starke französische Nuklearindustrie gegen das Projekt Sturm. Die Folge: Die EU-Kommission sucht nach Ausweichrouten und überlegt, ein Unterseekabel von Spanien nach Italien zu verlegen. Damit wird das Projekt noch teurer und kommt noch später.

von Matthias AUER

Die Presse

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