Energiewende: Was kostet der Strom im Jahr 2030?

20. November 2023, Linz

Doppel-Interview: Was die Chefs von Verbund und EnBW über die Energiewende sagen

Schaffen wir die Energiewende? Und was kostet sie? Darüber sprachen Verbund-Chef Michael Strugl und der Chef der Energie Baden-Württemberg (EnBW), Andreas Schell, beim Energie-Forum von OÖNachrichten, Oberbank und Industriellenvereinigung. Und davor im Interview.

OÖNachrichten: Herr Schell, können Sie mir die Klimastrategie Deutschlands erklären? Warum schaltet man Atomkraftwerke vor Kohlekraftwerken ab?

Andreas Schell: Die deutsche Bundesregierung hat klare Ziele für die Energiewirtschaft ausgegeben, nämlich bis 2030 80 Prozent der Energieversorgung mit erneuerbaren Energieträgern darzustellen. Der Beschluss, aus der Kernenergie auszusteigen, geht auf das Jahr 2011 zurück, Deutschland hat sich elf Jahre vorbereitet. Wir sind wegen des Kriegs in der Ukraine noch einmal von Dezember 2022 bis April 2023 in den Weiterbetrieb gegangen, haben dann aber den Beschluss des Bundestags umgesetzt. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland erfolgt bei Steinkohle 2030 und bei Braunkohle 2038. Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob es nicht besser gewesen wäre, früher aus Kohle und später aus Kernenergie auszusteigen. Aber die Frage kommt zu spät.

Schafft Deutschland seine ambitionierten Ziele zur Energiewende?

Schell: Wir sind auf einem guten Weg. Als EnBW gehen wir davon aus, dass 75 Prozent ambitioniert, aber machbar sind. Man muss auch überlegen, ob die letzten fünf Prozent anders abbildbar sind.

Herr Strugl, Österreich hat das Glück, über seine Wasserkraftwerke schon jetzt einen hohen Anteil an Ökostromerzeugung zu haben. Schaffen wir die Ziele 2030?

Michael Strugl: Es stimmt, dass wir große Kapazitäten an Wasserkraftwerken haben, aber auch einen enormen Zuwachs durch Photovoltaikanlagen vor allem auf privaten Hausdächern, im Vorjahr ein Gigawatt, 1,5 Gigawatt in diesem Jahr, damit könnte es sich bis 2030 ausgehen. Was uns Sorgen bereitet, ist der Ausbau der Windkraft, dabei hat Wind das stabilere Erzeugungsprofil. Aber auch wir befinden uns in den Mühen der Ebene. Es reicht ja nicht, Erzeugungsanlagen zu bauen, wir müssen zeitlich und regional abgestimmt auch die Verteilnetze ausbauen. Und wir brauchen gewaltige Kapazitäten zur Speicherung. Was uns fehlt, sind ein integrierter Planungsansatz und schnellere Verfahren, etwa bei der geplanten Belieferung der voestalpine mit Strom über eine 220-kV-Leitung. Der Ausbau steht, weil er beeinsprucht wurde. Wir haben zu wenig Flächen, brauchen kürzere Genehmigungsverfahren und einen Rechtsrahmen, der angepasst werden muss. Was uns fehlt, ist ein integrierter Planungsansatz.

Und eine Bevölkerung, die mit der Energiewende mitgeht.

Schell: Laut unseren Umfragen erkennt der Großteil der Menschen die Notwendigkeit der Energiewende an. Das ändert sich aber dann, wenn dies mit persönlichen Einschränkungen zu tun hat. Das heißt, man muss die kritische Bevölkerung früh einbinden. Wir haben jüngst eine große PV-Anlage innerhalb von weniger als drei Jahren umgesetzt – das Genehmigungsverfahren dauerte nur eineinhalb Jahre, der Bau ein Jahr. Dieses Tempo brauchen wir.

Gibt es einen übergeordneten Plan, der vorgibt, welche Projekte bis wann umgesetzt werden sollen?

Strugl: Es braucht einen gemeinsamen Plan. Derzeit bereitet die Zersplitterung der Kompetenzen Probleme. Es spricht viel für einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen, auch in Europa. Eine Energieraumplanung kann nur aus einem Guss gemacht werden. Die Akzeptanz ist dort, wo Projekte umgesetzt werden, noch nicht auf dem Niveau, das wir brauchen. Es gibt zumindest Ansätze mit Bürger- und Beteiligungsmodellen, bei denen betroffene Gemeinden und Bürger profitieren, wenn dort Anlagen entstehen. Was außerdem fehlt, ist, dass solchen Projekten so wie in Deutschland ein übergeordnetes Interesse im Gesetz zugestanden wird. Das hat auch das Urteil rund um die Stromleitung zur voestalpine gezeigt. Der Gesetzgeber ist gefordert. Schell: Deutschland hat diese Beschleunigungsgesetze, aber es reicht nicht, die Verfahren dauern noch zu lang. Strugl: Ein gutes Beispiel in Deutschland sind die sehr rasch umgesetzten Terminals für Flüssiggas. Wir diskutieren, wie schnell eine Gasleitung gebaut werden kann. Mit unserem Rechtsrahmen kann man bis 2025 keine Gasleitung bauen.

Sie meinen die Leitung durch das Mühlviertel?

Strugl: Genau, das gilt auch bei Strom. Die 380-kV-Leitung in Salzburg zum Lückenschluss wird am Ende 13 Jahre beansprucht haben, davon entfallen nur fünf Jahre auf die Bauzeit, aber sechseinhalb Jahre auf das Genehmigungsverfahren. Schell: Wir bauen eine 700 Kilometer lange Gleichstromleitung vom Norden in den Süden Deutschlands um zehn Milliarden Euro, diese wird als Erdleitung verlegt – quasi eine zweispurige Autobahn über 20.000 Einzelgrundstücke. Beim Bauen werden wir schnell sein, die Genehmigung hat länger gedauert.

Herr Schell, Sie sagen, Deutschland braucht mehr Gaskraftwerke. Wie wird die Energielandschaft in Europa künftig aussehen?

Schell: In Deutschland bauen wir große Windkraftwerke in die Nord- und in die Ostsee, als Ergänzung bauen wir Gaskraftwerke, die von Anfang an wasserstoffkompatibel sind. Die Übertragungsnetze müssen europäisch gedacht und gebaut werden, um etwa den Offshore-Windstrom nach Mitteleuropa zu bringen. Die Verteilnetze müssen ausgebaut werden, und alles muss digitalisiert werden, damit wir bedarfsgerecht mit einer dynamischen Preisbildung die Leute dazu bringen, Strom dann zu verbrauchen, wenn er günstig ist. Und schließlich müssen wir aus einer Gaswirtschaft eine Wasserstoffwirtschaft schaffen, inklusive Erzeugung und Speicherung. Europa muss mehr Strom erzeugen als bisher.

Wie weit sind die beiden Länder beim Wasserstoff?

Strugl: Ich sehe es wie Andreas Schell. Der Erneuerbaren-Ausbau braucht grundlastfähige Kapazitäten. Deutschland baut 50 neue Gaskraftwerke, auch wir müssen uns
Gedanken machen, was wir tun, wenn die bestehenden an ihr technisches Lebensende kommen. Europa soll laut EU zehn Millionen Tonnen Wasserstoff selbst produzieren und dieselbe Menge importieren. Wir brauchen auch lokale Projekte und eine entsprechende Infrastruktur, da ist Deutschland schon einen Schritt weiter. Wir haben eine Strategie.
Aber mehr eben nicht.

Strugl: Die Vorbereitungen müssen jetzt beginnen, man braucht Industriepartner und Bedarfsanalysen. Und dafür braucht man auch auf nationaler Ebene einen Rahmen.

Deutschland macht für die großen Industriebetriebe den Strom billiger. Wie muss Österreich reagieren?

Strugl: Deutschland ist für uns ein Leitmarkt. Ich höre, die Regierung überlegt bereits, wie sie auf die Steuerbegünstigungen in Deutschland reagiert. Alle Staaten sind damit beschäftigt, und es muss EU-beihilfenrechtlich konform sein.

Der Strom soll einerseits billiger werden, andererseits soll er über die CO2-Bepreisung teurer werden.

Schell: Der Strom würde ja nur dann teurer, wenn er aus fossilen Energieträgern stammt. Das heißt, der Anreiz, auf grünen Strom zurückzugreifen, würde erhöht.

Ihre Unternehmen gehören beide mehrheitlich der öffentlichen Hand. Wie viel Eingriff des Staates in den Energiemarkt ist in Ordnung?

Schell: Wir brauchen einen Plan und keine Planwirtschaft. Dass man 2022 in den Markt eingreifen musste, war richtig, aber jetzt sollte man den Markt wieder arbeiten lassen. Denn das hat viele Jahre sehr gut funktioniert. Strugl: Man muss sich entscheiden: Markt oder Regulierung. Die Liberalisierung vor 20 Jahren brachte Versorgungssicherheit und günstige Strompreise. In der Energiekrise hat der Markt auch funktioniert, aber Gas und damit Strom verteuert. Wir als Elektrizitätswirtschaft haben vorgeschlagen, in dieser Zeit den Gas- und den Strompreis zu entkoppeln. Das hätte zu weniger Gewinnen und Preiserhöhungen geführt, wäre also inflationssenkend gewesen. Man hat sich für die zweitbeste Lösung, die Gewinnabschöpfung, entschieden. Der Markt funktioniert, man sollte aber für Krisenzeiten vorsorgen, um Kunden vor extremen Preisausschlägen zu schützen.

Das Vertrauen der Anleger in grüne Energie ist massiv gesunken, entsprechend sind Kurse gefallen. Woran liegt das?

Strugl: Vor der Energiekrise hat es gereicht, in grüne Energie zu investieren. Heute fragt der Kapitalmarkt, was werthaltig ist. Nach wie vor wird in grüne Projekte investiert, der Markt reagiert aber sensibler auf Markteingriffe und geopolitische Spannungen. Schell: Die Korrektur sollte man nicht überbewerten. Wir müssen aber nachvollziehbar darstellen, dass sich die Projekte rechnen. Bei unseren neuen Windparks ist die Hälfte der Produktion schon vermarktet, das honorieren die Anleger. Deutschland investiert in die Energiewende 800 Milliarden Euro, Österreich mindestens 60 Milliarden, wahrscheinlich mehr.

Wie teuer wird der Energiewende-Strom?

Schell: Ich habe keine Glaskugel. Ich denke, der Energiekostenanteil in den dreißiger Jahren wird niedriger sein als jetzt, weil der Brennstoffkostenanteil wegfällt. Allerdings müssen wir auf die Netzentgelte achten. Strugl: In den nächsten drei Jahren deutet alles darauf hin, dass die Preise sinken. Längerfristig lässt es sich schwer voraussagen. Aber je mehr Erneuerbare im Markt sind, desto mehr günstigere Stunden.

„Es braucht einen gemeinsamen Plan aus einem Guss für die Energiewende.“

von Michael Strugl


„Die Nord-Süd-Leitung mit 700 Kilometern führt über 20.000 Einzelgrundstücke. Das Verfahren hat lange gedauert.“

von Andreas Schell

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