Der Kanal als Wärmespender

20. Juni 2024, Wien

Gemeinden, Verbände und Kläranlagen entdecken die energetische Nutzung von Abwasser. Know-how und Technologie gibt es, für die breite Nutzung fehlt etwas Entscheidendes.

Das Kolpinghaus in Salzburg war Avantgarde. Schon vor Jahren wurde beim Hotelzubau eine Anlage zur Abwasserwärmerückgewinnung eingesetzt, die neben anderen Maßnahmen dazu beiträgt, dass das Gebäude mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Derzeit prüft Salzburg landesweit, welche potenziellen erneuerbaren Energiequellen wirtschaftlich nutzbar wären – etwa die Wärme im Kanalnetz zum Heizen und Kühlen von Gebäuden sowie zur Frischwassererwärmung.

Das Land hat mittlerweile einen Wärmeatlas (wie Wien und die Steiermark) erstellen und untersuchen lassen, ob im Gasteiner Tal mit seinem Thermalwassereinsatz die Bedingungen im Abwassernetz ausreichen, um Energie zu gewinnen. Wenn das Ergebnis sehr positiv sei, werde es unter zehn Prozent zum Wärme- bzw. Kälteverbrauch beitragen, schätzt Gerhard Löffler, Referatsleiter Energiewirtschaft im Land Salzburg. Bei erneuerbaren Energien gelte aber, dass alles genutzt werden müsse. Die Machbarkeitsstudie hat die oberösterreichische Rabmer-Gruppe durchgeführt. Das Familienunternehmen hat schon vor 30 Jahren Umwelttechnik zu seinem zweiten Standbein – neben dem klassischen Bau- und vor allem Tiefbaugeschäft – aufgebaut. Abgesehen vom neuen Geschäftszweig mit wassersparenden Duscheinsätzen liegt der Schwerpunkt bei Gesamtkonzepten.

„Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir alles machen, von der Potenzialanalyse über die Machbarkeitsstudie bis zur Umsetzung mit unterschiedlichen Technologien“, sagt Firmenchefin Ulrike Rabmer-Koller. Umwelttechnik macht mittlerweile die Hälfte des Jahresumsatzes der Gruppe von heuer mehr als 19 Mill. Euro aus und wächst zurzeit stärker als der Bausektor. Für steigende Nachfrage und volle Auftragsbücher sorgen nicht zuletzt die enormen staatlichen Förderungen für den Ausstieg aus Öl und Gas und die EU-Klimaschutzvorgaben für Kommunen und Betriebe.

Zu den Kunden der Rabmer-Gruppe zählen neben der öffentlichen Hand auch Immobilienentwickler und Betriebe. Gerade bei Kanalnetzsanierungen oder Großprojekten wie dem Büro- und Einkaufszentrum Vio Plaza in Wien-Meidling biete sich an, Abwasser zu nutzen, was eigentlich einfach sei. Im Kanalrohr werden Wärmetauscher eingebaut, die die höhere Temperatur des Brauchwassers über einen separaten Wasserkreislauf in Kombination mit Wärmepumpen zur Energieerzeugung nutzen. Lange Zeit seien die Kanalbetreiber selbst auf der Bremse gestanden, aus Sorge, dass das Wasser am Ende zu kühl für die Kläranlagen sein könnte. Mittlerweile gebe es eine Anleitung für die Nutzung, das habe die Skepsis reduziert, sagt Rabmer-Koller. So wie im Gasteiner Tal lassen sich Vertreter von Gemeinden oder Abwasserverbänden ihr mögliches Potenzial als Energielieferant ausrechnen.

Generalisieren lässt sich kaum etwas. Jedes Projekt müsse maßgeschneidert werden, weil die örtlichen Gegebenheiten und vor allem Rohrgröße und Durchflussmenge in den Kanälen entscheidend seien. Nur so viel: Wenn eine Anlage grundsätzlich sinnvoll ist, spart sie viel Energie bzw. CO2, vor allem wenn sie Winter und Sommer läuft. Die Amortisationszeit sei schon vor dem Strom- und Gaspreis-Anstieg 2022 bei unter zehn Jahren gelegen.

Was allerdings in Österreich fehle, sei eine Übersicht, wo welches Potenzial im Kanalnetz schlummere. „Ich setze mich seit Längerem für eine Abwasserwärmekarte ein“, sagt die Unternehmerin, die auch lang Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich war. Das würde – zusammen mit der Anstoßfinanzierung des Bundes – eine breite Nutzung der Technologie ermöglichen.

von Monika Graf

Salzburger Nachrichten

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