Der Energiewende geht die Luft aus

24. Juni 2024, Wien

Energie. Trotz Rekordinvestitionen reichen die Erneuerbaren bisher nicht einmal aus, um den Anstieg des Energiehungers der Welt zu decken. An zwei von drei Menschen auf der Erde geht der grüne Boom außerdem fast zur Gänze vorbei.

In Europa ist die Energiewende allgegenwärtig. Im Akkord werden Windräder und Solaranlagen gebaut, kaum ein Unternehmen lässt es sich nehmen, sich grüne Ziele zu stecken. Noch zügiger geht es nur in der Volksrepublik China (und in abgeschwächter Form in den USA) voran. Gemeinsam werden die drei Wirtschaftsmächte heuer die Rekordsumme von 2,76 Billionen Euro in den Ausbau der Erneuerbaren stecken, sagt die Internationale Energieagentur. Doch zwei Drittel der Weltbevölkerung bekommen von dem grünen Boom herzlich wenig mit.

Sie wohnen in Afrika, Asien (außerhalb Chinas), Lateinamerika und im Nahen Osten. Nicht einmal jedes fünfte neue Solarpaneel weltweit wurde im Vorjahr hier installiert. Stattdessen steigen die Ausgaben für neue Öl- und Gasprojekte.
Infolgedessen ist der globale Ausbau der emissionsarmen Technologien nicht einmal stark genug, um den Anstieg des Energiehungers der Menschheit zu decken, heißt es im Renewables 2024 Global Status Report (GSR 2024). Auch das World Economic Forum (WEF) hat in einer aktuellen Studie eine Schwächephase im Umbau zu grünem Energiesystem ausgemacht.

Österreich auf Rang acht

Im Bericht „Fostering Effective Energy Transition 2024“ reiht das WEF 120 Staaten danach, wie umweltfreundlich, gerecht und sicher ihre Energiesysteme sind. Auch hier liegt Europa ganz vorne, die ersten zehn Plätze sind für den alten Kontinent reserviert. Und Österreich, bei anderen Rankings oft im hinteren Mittelfeld zu finden, schafft es immerhin auf den achten Platz. Die USA liegen auf Rang 19, zwei Plätze hinter China. Positiv erwähnt das WEF auch den Fortschritt Brasiliens, das sich stark auf Wasserkraft und grüne Kraftstoffe konzentriert. Die Richtung stimme auch global gesehen noch, so die Autoren. Aber das Momentum ist verloren. In den vergangenen drei Jahren kamen die Staaten fast viermal langsamer voran als zwischen 2018 und 2021.

Nicht nur die regionalen Differenzen sind ein Thema, sondern auch der Tunnelblick der allermeisten Staaten auf Elektrizität. Der weltweite Ausbau der Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien stieg zuletzt um 54 Prozent und erreichte im Jahr 2023 immerhin 536 Gigawatt.

Aber das ist nur die halbe Miete. Denn derzeit macht Strom nur ein knappes Viertel der weltweiten Energieversorgung aus. Drei Viertel der Energie werden im Wärmebereich (48 Prozent) und im Verkehr (29 Prozent) benötigt. Und hier passiert herzlich wenig.

Europa, beim Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor noch ganz vorne dabei, lässt bei grünen Kraftstoffen fast völlig aus. Die USA stellten 2022 rund 40 Prozent der gesamten erneuerbaren Biokraftstoffe bereit, gefolgt von Brasilien (21 Prozent) und Indonesien (6,2 Prozent). „Ohne strukturelle Veränderungen und Reformen des mit fossilen Brennstoffen betriebenen Energiesystems werden wir nicht in der Lage sein, eine auf erneuerbaren Energien basierende, widerstandsfähige Wirtschaft ohne Kohle, Öl und Gas aufzubauen“, sagt Rana Adib, Executive Director von REN21.
Weniger Energie verbrauchen

Der Ausbau von klimafreundlichen Energielösungen quer über alle Sparten sei aber nicht die einzige Antwort. Die Staaten müssten auch mehr dafür tun, damit Menschen und Unternehmen Energie sparsamer einsetzen, sind die Experten einig. Die Welt brauche ein neues Energiesystem, um die Emissionen zu senken, müsse aber auch die Energieintensität je erwirtschaftetem Euro senken, sagt Roberto Bocca, vom Centre for Energy and Materials beim World Economic Forum.

Auf dem letztjährigen Klimagipfel COP28 in Dubai einigten sich die Staaten darauf, die erneuerbare Energiekapazität bis 2030 zu verdreifachen und die Geschwindigkeit der Energieeffizienzverbesserungen zu verdoppeln. Beide Ziele sind in weiter Ferne.

von Matthias Auer

Die Presse

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