Das Potenzial von Biogas

7. Juli 2022

Erneuerbare Energie. Biogas ist CO-neutral, vielseitig anwendbar und nachhaltig. Warum es mehr gefördert gehört

Die Natur funktioniert in Kreisläufen – ob nun im Zyklus der vier Jahreszeiten oder am Acker. So wächst die junge Pflanze mit der Energie der Sonne und mit den Nährstoffen des Bodens. Nach dem Ernten der Pflanze wird die organische Masse von Mikroorganismen abgebaut und dient wiederum als Ausgangsprodukt für neues Leben. Die Natur kennt zwei Vorgänge für diesen Kreislauf: Erfolgt der Abbau des organischen Materials bei Vorhandensein von Luft, so spricht man von Kompostierung oder Rotte. Erfolgt der Abbau des organischen Materials unter Luftabschluss, so spricht man von Fermentation. Ein Teil der in der organischen Masse enthaltenen Energie wird dabei zu Biogas umgewandelt. Dieser in der Natur weit verbreitete Prozess findet beispielsweise in Mooren oder auf dem Grund von Seen statt. Je nach Vorkommen spricht man von Sumpfgas, Faulgas, Klärgas, Grubengas, Deponiegas. Im Bereich nachwachsender Rohstoffe oder von biogenen Abfällen spricht man von Biogas.

Effiziente Nutzung

Biogas ist ein Multitalent unter den erneuerbaren Energieträgern. Biogas kann zur Erzeugung von Strom, Wärme beziehungsweise Kälte, als Kraftstoff und als Erdgassubstitut verwendet werden. Neben dem energiereichen Gas entsteht in der Biogasanlage ein Gärprodukt, das als wertvoller Dünger wieder ausgebracht werden kann. „In unserem Zeitalter kommt der effizienten Nutzung von Ressourcen immer mehr Bedeutung zu. Die Biogastechnologie ist dabei die einzige, die aus Abfällen und Reststoffen erneuerbare Energie und organische Dünger erzeugen kann“, sagt Bernhard Stürmer, Geschäftsführer vom Kompost & Biogas Verband Österreich.

Erneuerbarer Strom

Österreichweit sind laut den Angaben des Kompost & Biogas Verbandes Österreich derzeit rund 260 Biogasanlagen mit einer installierten elektrischen Leistung von 80 MW und einer jährlichen Strom-Einspeisemenge von 540 GWh in Betrieb. Sie versorgen damit mehr als 160.000 Haushalte ganzjährig mit erneuerbarem Strom und ersetzen zusätzlich umgerechnet 40 Mio. Liter Heizöl durch die anfallende Wärme. Ein weiterer Vorteil: Biogas kann man einspeichern und dann einsetzen, wann man es braucht – zum Beispiel im Winter, wenn der Gasbedarf wieder höher ist. „Aktuell wird allerdings nur etwa 0,8 Prozent des jährlich in Österreich anfallenden Strombedarfs durch Biogas gedeckt“, sagt Stürmer.

Viel Luft nach oben

Manche Anlagen bereiten das Biogas zu Biomethan auf, welches chemisch dem Erdgas ident ist. Aktuell speisen nach Angaben des Kompost & Biogas Verbandes Österreich 15 Biogasanlagen Biomethan mit einer jährlichen Gesamtenergiemenge von 140 GWh ins Erdgasnetz ein. „Mit dieser Menge könnten umgerechnet 20.000 Pkws klimaneutral betrieben werden“, sagt Stürmer. Zudem fallen rund 1,5 Mio. Tonnen organischer Dünger an, der für Boden und Pflanzen optimal zusammengesetzt ist. Dennoch beläuft sich die ins Netz eingespeiste Menge von „Erdgasersatz“ Biomethan in Österreich auf 0,2 Prozent. Andere Länder sind hier weit fortschrittlicher. In der Schweiz oder in Dänemark hat man die letzten Jahre kontinuierlich auf Biogas gesetzt und so können diese Länder heute ihren heimischen Gasbedarf bereits bis zu einem Viertel selbst decken und sind somit weniger abhängig von ausländischen Partnern. Außerdem fördert die heimische Produktion von Biogas die regionale Wertschöpfung und Beschäftigung vor Ort. „Die österreichische Biogasbranche liefert jährlich rund 110 Mio. Euro an jährlicher Wertschöpfung und bietet für 3200 Menschen im vor- und nachgelagerten Bereich Arbeit an. Aufgrund der hohen regionalen Wirtschaftsverflechtungen verbleiben von jedem Euro, der in die Biogasproduktion investiert wird, 95 Cent in Österreich“, sagt Stürmer. Zudem ist Biogas CO₂-neutral und wie bereits erwähnt vielseitig anwendbar. „Leider wird Biogas noch viel zu wenig gefördert. Es fehlt an Gesetzen und Rahmenbedingungen“, sagt Stürmer und hofft, dass sich aufgrund der Krise nun etwas ändert. „Wir brauchen eine Biogas-Quote. Also eine Verpflichtung für Gashändler, dass ein gewisser Prozentsatz ihres Gases einen Biogas-Anteil aufweist. Dadurch entsteht ein Markt und eine Nachfrage und das Gas wird somit auch wirklich abgenommen“, sagt Stürmer. Außerdem brauche es beispielsweise neue Rahmenbedingungen für Banken. Eine neue Biogasanlage kostet zwischen 10-15 Millionen Euro. Die Lieferverträge laufen meist nur zwei bis drei Jahre. „Das ist zu wenig Sicherheit für die Banken“, sagt Stürmer.

Unabhängig von Russland?

Biogas hat viel Potenzial, aber könnte auch Österreich wie die Länder Schweiz oder Dänemark seinen Gasbedarf durch heimische Erzeugung zu einem gewissen Teil decken? Stürmer sagt: „Ja! 20 Prozent des österreichischen Gasbedarfs könnte durch das Potenzial gedeckt werden.“ Allerdings, so realistisch muss man sein, bräuchte das ein politisches Umdenken, neue gesetzliche Rahmenbedingungen und Zeit. Nicht jede Anlage kann Biomethan herstellen. „Aber etwa 80 bis 100 Anlagen haben das Potenzial in die Gaseinspeisung zu wechseln“, so Stürmer. Zwei bis drei Jahre würde diese Umstellung dauern. Kleine Anlagen kann man erst gar nicht umstellen. „Zusätzlich bräuchte es 600 neue Anlagen, um den Bedarf von 20 Prozent decken zu können.“ Stürmer ist dennoch optimistisch: „Biogas hat so viele Vorteile und am dringendsten wird Biomethan derzeit in unseren Gaskraftwerken gebraucht. Jetzt benötigen wir nur noch die Investitionen und Wertschätzung gegenüber Biogas.“

Kurier

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