„In jeder Krise gibt es Gewinner“

20. September 2022

Energiemarkt. Verbund-Aufsichtsratschef Martin Ohneberg argumentiert gegen eine Übergewinnsteuer, verteidigt Wien Energie gegen den Spekulationsvorwurf und will einen Schutzschirm für die E-Wirtschaft

Der Vorarlberger Industrielle vermisst einen Masterplan für die Energiewende und nennt manch grüne Konzepte schlicht „Umweltromantik“.

KURIER: Was sagen Sie zur Steuer auf Übergewinne? Die EU beharrt auf dieser Sonderabgabe …

Martin Ohneberg: Die Diskussion halte ich für völlig verfehlt. Man sollte sich vielmehr überlegen, wie schafft man mit uns Energieunternehmen die Energiewende. Der Krieg in der Ukraine war ein rasanter Beschleuniger der Energiekrise, der Beginn liegt aber beim Eingriff in den Energiemarkt. Wenn das Angebot konzeptlos durch die Schließung von Atom- und Kohlekraftwerken reduziert wird, steigt der Preis. Das ist ein seit Jahrhunderten geltendes Prinzip der Marktwirtschaft.

Eine Steuer auf Übergewinne wäre wirklich so ungerecht?

Für mich sind Gewinne Gewinne, ob das jetzt Übergewinne oder Zufallsgewinne sind. In jeder Krise gibt es Gewinner. In der Corona-Zeit waren das die Pharmakonzerne. Die haben das Geld genommen und in Forschung & Entwicklung gesteckt. Jetzt sind es teils die Energieversorger, die das Geld in den Ausbau der Erneuerbaren stecken, weil wir die Energiewende schaffen müssen. Am Ende des Tages bedeutet es aber für uns, dass man dem Verbund Liquidität nimmt, obwohl wir durch die Dividende und die hohe Steuerleistung ohnehin massiv zahlen – voraussichtlich für 2022 mehr als 1,4 Milliarden Euro.

Selbst Ex-Verbundchef Anzengruber sagt, man könnte eine befristete Abgabe auf die Übergewinne einheben, dabei die Unternehmen profitabel halten und die Energiewende nicht gefährden …

Wolfgang Anzengruber ist ein Experte und kennt sich als Ex-Verbundchef sehr gut aus. Ich bin sicher, dass er das Angebot des Verbund für eine Sonderdividende an den Staat befürwortet, wenn die Gelder als Beitrag zur Finanzierung von Entlastungsmaßnahmen verwendet werden. Der Verbund hat ein massives Ausbauprogramm mit mehr als drei Milliarden Euro, in die Erneuerbaren, ins Netz. In einer solchen Phase darf der Staat dem Unternehmen seinen Investitionsspielraum nicht nehmen.

Verstehen Sie Menschen, die sich beklagen, dass der Verbund im Halbjahr 150 Prozent mehr Gewinn macht, während ihnen die Strom- und Gas-Rechnungen um die Ohren fliegen?

Na selbstverständlich, das ist auch eine schwierige Diskussion, die da geführt werden muss. Ich bin ja als Unternehmer und Privatperson selbst betroffen und spüre den massiven Druck. Hier muss der Staat bzw. sämtliche Gebietskörperschaften möglichst treffsicher Unterstützung leisten, sowohl im privaten Bereich, wie auch für Betriebe. Vielfach habe ich in der öffentlichen Diskussion auch das Gefühl, dass der Unterschied zwischen Umsatz, Gewinn und Liquidität nicht verstanden wird. Aber dem Verbund Geld zu entziehen, ist etwas ganz anderes.

Weshalb?

Der Verbund wurde 1947 gegründet, wir feiern heuer 75 Jahre, um den Wasserkraftausbau zu beschleunigen. Und heute müssen wir die Energiewende schaffen, und das geht nur mit massiven Investitionen. Und die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit wir die Projekte auch schnell umsetzen können. Zurzeit hat die Politik teilweise nur eine Vision, aber es fehlen die konkreten Projekte und die Umsetzungszeitpunkte.

Es gibt österreichweit viele Projekte, in Salzburg, im Tiroler Kaunertal, die oft von der grünen Basis blockiert werden, obwohl die grüne Bundespartei den Ausbau der Erneuerbaren massiv einfordert. Was läuft da schief in unserem Land?

Die Konzepte sind teilweise Umweltromantik. Da gibt es den Umwelt- und den Naturschutz. Der Umweltschutz sieht die Notwendigkeit der Erneuerbaren und des Klimaschutzes, der Naturschutz sieht die Wälder, die Täler, die geschützten Arten. Alles schön und gut, aber es fehlen ein konkreter Masterplan und die Prioritätensetzung. Man kann nicht sagen, okay, wir gehen weg von den Fossilen und haben die Projekte nicht, die zeitgerecht umgesetzt werden können. Es braucht auch eine klare Importstrategie zum Beispiel beim Wasserstoff, den werden wir nicht gänzlich in Österreich produzieren können. Momentan klaffen bei der Energiewende Wunsch und Wirklichkeit noch massiv auseinander.

Wie sehen Sie die Wirklichkeit?

Angesichts des Klimawandels muss die Wasserkraft auch nicht unbedingt die alleinige Zukunft sein. Die höheren Temperaturen führen zu Wasserknappheit. Alle Energieversorger, die heute stark im Wasser engagiert sind, müssen auch diversifizieren. Das heißt, wir brauchen den Fotovoltaik-Ausbau, und es fehlen Windkraftanlagen, obwohl Österreich aufgrund der Volllast kein ideales Land dafür ist. Daher braucht es den Masterplan. Wenn das mit den Projekten nämlich weiter so lange dauert, bleibt die Energiewende Wunschdenken.

Was halten Sie vom Strompreisdeckel? Ist das nicht wieder die Gießkanne?

Der Deckel müsste auch für Betriebe, Industrieunternehmen und Vereine kommen. Die soziale Treffsicherheit ist bei Förderungen immer ein Thema. Es ist jetzt wichtig, dass man nicht national in den Markt eingreift, das kann nur auf europäischer Ebene geschehen.

Wirtschaftskammer und IV fordern Hilfen für energieintensive Betriebe, es geschieht aber nichts. Liegt das am sinkenden Einfluss Ihrer Interessensvertretung oder am Unwillen der Bundesregierung?

Wir brauchen rasch eine Entscheidung und Planungssicherheit für das kommende Jahr. Diese Notwendigkeit hat die Politik Gott sei Dank erkannt. Vieles muss noch auf EU-Ebene diskutiert und entschieden werden. Ich erwarte Lösungen, die wirksam umgesetzt werden können.

Sind der Bundesregierung Haushalte und Betriebe wirklich gleich viel wert?

Das ist ein großes Politikum. Aber es bringt niemandem etwas, daheim in der warmen Stube zu sitzen, aber keine Arbeit mehr zu haben.

Thema Wien Energie: War das jetzt Zocken, Spekulation oder Pech und Missgeschick? Die Staatsanwaltschaft ermittelt …

Über Details kann ich nicht reden, weil ich keinen Einblick in die Wien Energie habe. Die Einschätzung von Experten spricht nicht von Spekulationen. Klar ist, dass das Stromgeschäft auf dem Stromhandel basiert und dort aktuell hohe Sicherheiten hinterlegt werden müssen. Der Verbund hat schon frühzeitig Ende des Vorjahres begonnen, seine Hedging-Strategie anzupassen, ist vorsichtiger geworden und hatte auch kein Liquiditätsproblem.

Interessant ist, dass Verbund-Chef Strugl als Präsident des E-Wirtschaft genau den Schutzschirm für Österreichs Versorger fordert, den auch die Wiener gefordert haben …

So ein Schutzschirm wäre Prophylaxe und vorausschauend nötig. Als eine Art Kreditrahmen, den man abrufen kann, wenn die Strompreise weiter so volatil bleiben. Wenn die Preise in kürzester Zeit von 300 auf 1000 steigen, ist das intern nicht mehr beherrschbar. Und man darf auch das Klumpenrisiko bei den finanzierenden Banken nicht vergessen. Also ja, ein Schutzschirm, der das Liquiditätsrisiko abdeckt, wäre sinnvoll. Obwohl ihn aktuell nach meinem Wissensstand kein Versorger in Anspruch nehmen müsste, nicht einmal Wien hat ja bisher etwas abgerufen.

Auch der Verbund ist wirklich auf der sicheren Seite?

Der Verbund hat auf keinen Fall ein Problem, obwohl natürlich auch wir bei Forward-Verkäufen laufend Geld hinterlegen müssen. Wir haben vorgesorgt, haben ausreichend Liquidität, und das Risikomanagement im Verbund ist sehr bewährt und sehr vorsichtig.

Kurier

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